O sie, sie kam ja aus Deutschland, direkt aus der Heimat, hatte sich rotgefärbt beim Durcheilen der blutigen Schlachtfelder und brachte uns nun die treuesten Grüße unserer Lieben daheim. Ein gutes Omen!

Nun schlichen wir uns beide in ein kleines Gärtchen, und hier wurde große Toilette gemacht. Die mitgenommene Kleiderbürste vollbrachte Wunder. Die Schuhlappen hatten schwere Arbeit, und mein Hosenboden wurde mit der mitgenommenen Nähnadel geflickt. In Ermangelung von Rasiercreme benutzten wir unseren Speichel, und dann wurden die armen Gesichter mit den mitgenommenen Gilette-Apparaten bearbeitet. Zum Schluß banden wir uns „den” Kragen und „den” Schlips um und überließen Kleiderbürste und Stiefellappen dem Gartenbesitzer. Und schick fast wie Dandies mit einem koketten Kniff in dem weichen Hut betraten wir Derby.

Zu unserem Glück fanden wir bald den Bahnhof, trennten uns unauffällig und hatten den unerhörten Dusel, daß bereits in einer Viertelstunde ein Zug nach London ging. Ich löste ein Retourbillett dritter Güte nach Leicester, und mit einer dicken Zeitung bewaffnet bestieg ich den Zug. In Leicester stieg ich aus, löste mir ein Billett nach London, und als ich in das Kupee einstieg, saß zufällig mir gegenüber ein Herr, ebenfalls im grauen Mantel, den ich irgendwo mal gesehen haben mußte, von dem ich aber selbstverständlich keine Notiz nahm. Ich glaube, sein Name fing früher mal mit T. an.

Gegen Mittag lief endlich der Zug in London ein.

Als ich durch die Bahnsperre ging und mein Billett abgab, war mir doch nicht ganz wohl zumute, und so etwas hat meine Hand doch gezittert. Doch der gestrenge Blick des Kontrolleurs bedeutete weiter nichts, und einige Minuten darauf war ich im Gewühl der Großstadt verschwunden.

Wie gut war es jetzt, daß ich vor zwei Jahren in London gewesen war und es so genau kennengelernt hatte. Das erste, was ich tat, war, daß ich in vier verschiedene Frühstücksstuben ging und in jeder von diesen so viel aß und trank, daß es noch eben nicht auffiel. Dann ging ich an die Themse hinunter, rief mir alle Straßen und Brücken und Dampferanlegestellen durch persönlichen Augenschein in die Erinnerung zurück und sah mir besonders an, wo neutrale Dampfer lagen.

Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt. Ich hatte gehofft, sofort einen Dampfer finden zu können, doch nun sah ich zu meiner Besorgnis, daß alle Werften und Ladeplätze und die meisten neutralen Dampfer ebenfalls streng bewacht mitten auf dem Strome lagen.

Die ungewohnte Umgebung, die Unsicherheit, in der ich mich in der ersten Zeit befand, und vor allen Dingen das dauernde Gefühl während der ersten Tage, daß ich stets glaubte, daß jeder Mensch wissen müßte, wer ich wäre, und daß jedermann es mir an der Nasenspitze ablesen könnte, daß ich aus Donington Hall entwichen wäre, taten das ihre. Dazu kam noch die durchgemachte Aufregung und Überanstrengung der letzten Nacht und die trostlose Verlassenheit in der riesigen Feindeshauptstadt. Auch hatte ich mich vergebens bemüht, irgendeine Zeitung zu erwischen, aus der die Abfahrt von Dampfern ersichtlich wäre; das war für mich eine besonders herbe Enttäuschung.

War es da ein Wunder, daß ich ganz entmutigt und müde zum Umsinken um sieben Uhr abends wie verabredet vor der St. Pauls-Kathedrale stand, um auf Trefftz zu warten? Bis neun Uhr habe ich gewartet, kein Trefftz kam.

Fest überzeugt, daß es Trefftz bereits gelungen wäre, einen günstigen Dampfer zu fassen, und daß er womöglich London schon verlassen habe, schleppte ich mich gänzlich deprimiert zum Hydepark. Zu meiner Enttäuschung war dieser entgegen früherer Gewohnheit geschlossen. Was sollte ich nun tun, wo sollte ich schlafen? Auf der Straße durfte ich nicht bleiben, um nicht aufzufallen. Und in eine Herberge durfte ich erst recht nicht gehen, da ich keinen Paß besaß, den jetzt in England selbst jeder Engländer besitzen mußte, und ohne den kein Gastwirt bei schwerster Strafe jemanden aufnehmen durfte.