Als hätte etwas von ihrem Gefühle sich unmittelbar auf mich übertragen, oder als wären sich unsere Gedanken in der Vergangenheit begegnet, in der der Glückstraum des Lebens uns beide umfing, wurde auch ich von einer Stimmung, die ganz verschieden von der vorhergehenden war, ergriffen, und indem ich sanft meinen Arm um ihren Hals legte und ihre Wange streichelte, sagte ich:
„Woran denkst Du?“
„Ich denke an unseren ersten Sommer.“
In diesem Augenblick kam es mir vor, als hätte ich auch an dasselbe gedacht. All meine Müdigkeit war wie fortgeflogen, und voll Bewegung bog ich ihren Kopf empor und küßte ihren Mund.
Im selben Moment saß Elsa aufrecht da.
Das Verlangen nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, das die Einförmigkeit des Alltäglichen durchbrach, vermischte sich im Augenblick mit der Erinnerung an das, was einst gewesen, und mit einem Tonfall, dem man nicht widerstehen konnte, rief sie aus:
„Ich will hinfahren, Georg! Ich will hinfahren!“
Aber im selben Augenblick fühlte ich mich wieder in die Wirklichkeit zurückversetzt. Meine Gemütsstimmung war im tiefsten Grunde vielleicht dieselbe wie die meiner Frau. Aber ich empfand gleichzeitig dieses wunderliche Gefühl einer wartenden Enttäuschung, das sich in uns erhebt und in den überspanntesten Augenblicken des Lebens unsere Träume zügelt. Ich scheute zurück vor diesem Versuch, die Jugend zum Leben zu erwecken, als fürchtete ich, anstatt dessen einem Schmerz zu begegnen, den ich um jeden Preis vermeiden wollte. Ich fühlte mich einer Enttäuschung so gewiß, daß der unschuldige Vorschlag meiner Frau, die kleine Fahrt in den Schärengarten, der Besuch des Ortes, wo ich jede Bucht, jeden Sund kannte, ja sogar die Steine auf dem Grunde des Fjords, mir etwas so Wichtiges und Entscheidendes zu bergen schien, daß ich mich genau bedenken mußte, bevor ich einen so schicksalsschweren Entschluß faßte. Aber gleichzeitig sah ich, daß dieser Gedanke meine Frau mit einem Entzücken erfüllte, so groß, daß ich nicht Nein sagen konnte. Darum sagte ich auch Ja und schloß sie in meine Arme, um meine eigene Mißstimmung zu verbergen.
Aber als wir dann heimwärts gingen, lag über Elsas ganzem Wesen etwas wie ein Schimmer von Jugend. Nichts von dem, was ich wirklich fühlte, hatte sie gemerkt. Gleichsam als glaubte sie einem großen Glück entgegenzugehen, so leuchteten ihre Züge, das ganze lebensvolle Gefühl wiederspiegelnd, mit dem sie das, was gewesen, mit dem, was war, verband. Und es durchzuckte mich eine so schmerzliche Empfindung bei dem Gedanken, meine böse Ahnung könnte sich vielleicht bestätigen, daß ich meine Gedanken nicht zurückhalten konnte.
„Bist Du sicher, daß es so wird, wie Du es erwartest?“ fragte ich.