„Wie sollte ich darüber böse sein können,“ antwortete ich bloß.

„Ah, wie froh ich bin,“ ertönte wieder ihre Stimme. Denn ihr Gesicht unterschied ich nur undeutlich. „Dann wirst Du auch nicht zürnen, wenn ich Dir sage, daß ich jeden Abend mein Abendgebet spreche, so wie, als ich ein Kind war. Ich weiß nicht, zu wem ich bete. Aber ich lasse auch die Knaben für Dich und mich und für einander beten. Glaubst Du, daß es unrecht ist?“

Ich legte das Ruder nieder, stand von meinem Platze auf, nahm das liebe Gesicht meiner Frau zwischen meine Hände und küßte sie, ohne ein Wort sagen zu können.

„Ich will nicht, daß es etwas geben soll, was Du nicht weißt,“ sagte sie einfach.

Wieder saß ich an meinem Platze am Ruder, wieder schoß das Boot dahin, und nach einer Weile sah ich durch das Laubwerk ein Licht, das mich zu der Brücke meines Heims leitete. Uns mit den Armen umschlungen haltend gingen wir den schmalen Pfad zu unserem Sommerheim, und als wir uns zur Gutenacht küßten, sagte Elsa:

„Du hast mich heute Abend so glücklich gemacht. Ah, Du weißt nicht, wie glücklich Du mich gemacht hast.“

An diesem Abend blieb ich lange auf, und ich that, was ich nicht oft während dieses ganzen glücklichen Sommers gethan. Ich dachte an Elsa und mich. Unaufhörlich tauchte der Gedanke wieder auf, warum sie mich hatte fragen müssen, ob ich ihr erlaubte, an Gott zu glauben und zu beten. Denn das war es ja, was sie gethan hatte. Und während mich diese weiche Weiblichkeit wie ein Hauch unnennbaren Glücks berührte, fühlte ich doch gleichzeitig den Stachel, der darin lag, daß sie je so hatte fragen müssen. Ich ging in Gedanken unsere Jugend durch und all die Jahre, in denen wir uns geliebt. Ich glaubte, daß ich sie immer auf den Händen hatte tragen wollen, ich glaubte, daß ich es immer gethan hatte, und nun klang durch ihr ganzes Wesen ein Ton, als hätte ich bei alledem achtlos ihr Innerstes zerrissen und ihr, ohne es zu wissen, eine Wunde geschlagen, die vielleicht lange geblutet hatte, bevor sie gewagt hatte, mich ahnen zu lassen, daß sie litt. Sie schien in irgend einer Weise mich oder meine Kritik oder Beides zu fürchten. Und ich fragte mich selbst: Warum?

Ich wußte, daß ich sie nicht darnach fragen konnte. Denn sie würde immer die Arme um meinen Hals schlingen und sagen: „Du, Du, niemals hast Du mir etwas anderes als Gutes gethan!“ Ich glaubte den Fanatismus ihrer Stimme zu hören, wenn sie dies sagte. Ja, ich wußte, daß sie so antworten mußte, und ich wußte auch, daß sie alles, was sie sagte, als die innerste Wahrheit empfinden würde, so gewiß als sie es sonst nicht hätte sagen können. Aber dieser Gedanke beruhigte mich nicht. Etwas ganz Anderes beschäftigte mich jetzt. Was kümmerte es mich im Uebrigen in dieser Stunde, ob meine Frau zu Gott betete oder nicht? Was kümmerte es mich, ob sie das oder jenes dachte? Was sie gesagt, hatte mich wie Pfeile getroffen, die geradenwegs in mein Herz gedrungen waren. Ihre Worte waren mit ihr selbst und dem ganzen Sommer, der vergangen war, verschmolzen, mit dem Gefühl der Kahnfahrt auf dem dunklen Wasser, mit dem Brausen des Waldes und dem Strahlenweg des Mondes über die krausen Wellen. Es verschmolz alles zu einem einzigen Ganzen und sang davon, daß ich einen Schatz gewonnen, der sich nicht teilen oder verwandeln ließ, aber der mein blieb, solange ich begriff, daß er nur in der Stille für mich wuchs.

Aber dabei quälte mich der Gedanke, daß ich sie, ohne es zu wollen, doch erschreckt hatte. Das quälte mich im Widerspruch zu ihren eigenen Worten, die noch in meinem Ohre klangen. In Gedanken durchlebte ich alles zwischen uns, woran ich mich erinnern konnte und was möglicherweise damit zusammenhing, und als ich mich an nichts mehr erinnern konnte, suchte ich in meinen Gedanken nach dem, was ich nicht zu finden vermochte.

Denn es war Schuldgefühl, was ich empfand, Schuldgefühl, was mich bedrückte. Ich konnte mich nur nicht entsinnen, wie oder wann ich schuldig geworden war. Ich meinte bloß, daß ich es war und sein mußte. Als ich hereinkam, um zu Bette zu gehen, sah ich bestürzt, daß meine Frau noch wach lag. Aber als ich mich niedergelegt hatte, beugte sie sich nur vor und küßte meine Hand.