Und als der Tag des Aufbruchs endlich herankam, wie suchten wir da nicht alle Plätze des Sommers auf, um sie ein letztes Mal wiederzusehen. Wir gingen den Aussichtsberg hinauf, und wir wanderten den Waldweg auf und ab, besonders wenn es dunkelte und die Sterne durch die Zweige der Tannen schimmerten. Beinahe eine ganze Woche brachten wir nur damit zu, Abschied zu nehmen. Wir nahmen die Knaben mit und segelten rings um die Insel, und wir sprachen von dem Buche, unserem Buche, das fertig war und zum Herbste herauskommen sollte. Stundenlang konnten wir über den schmalen Pfad gehen, der von dem rotgestrichenen Wohnhause hinab zum Strande führte, und jeden Abend verweilten wir lange auf der Brücke, dem Rauschen der Wogen horchend, das jetzt ruhiger klang als in dem unruhigen Frühling, zugleich jedoch härter.
Aber am letzten Abend, als der Augustmond schon im Abnehmen war, gingen wir allein zur Brücke hinab und stießen mit dem Boote ab.
In der Nachtbrise segelten wir hinaus über die schwarze Bucht, auf die der gelbe Halbmond glitzernde Streifen malte und um die die Bäume so dunkel und wunderlich standen, ganz andere Konturen bildend als die, die das Tageslicht gab. Wie durch eine Zauberlandschaft segelten wir dahin, dem Plätschern der kleinen Wellen am Bug des Bootes lauschend. Wir eilten über die nur gekräuselte Wasserfläche mit größerer Geschwindigkeit dahin als je am Tage, denn die Brise der Nacht hat größere Kraft, oder sie scheint sie wenigstens zu haben. Aber ohne zu sprechen oder irgend etwas zu verabreden, wendete ich das Boot, so daß es die Klippen umschiffte, und über die Steine der Badebucht gingen wir ans Land. Wir nahmen einander bei der Hand, und wir gingen unseren alten Weg zu der hohen Tanne, in deren Rinde die rostige Nadel steckte. Wir brauchten den Baum nicht zu suchen, denn während des Sommers waren wir oft hingepilgert, und wir hatten niemals gefürchtet, daß Jemand an das kleine Ding rühren würde, das so gut verborgen war und uns das Siegel unseres eigenen unermeßlichen Glücks zu sein schien, das zu entfliehen gedroht hatte, aber zurückgekehrt war.
Doch wie wir so in unsere Gedanken versunken standen und das Mondlicht in dem Dunkel der Nadelbäume untergehen sahen, sagte meine Frau:
„Ich will sie nicht dalassen. Ich möchte sie mitnehmen.“
Mit behutsamer Hand machte sie sie los und befestigte sie an der Innenseite ihres Kleides.
„Vielleicht komme ich nie mehr her, und da will ich nicht, daß Du sie nach mir findest.“
Dann segelten wir wieder hinaus in die nächtliche Brise, und eine Vorahnung dessen, von dem ich nie geglaubt hatte, daß es kommen würde, erfüllte mich mit einem unnennbaren Gefühl der Trauer. Ich sah auf die Stelle im Boote, wo Elsa saß. Es war mir, als würde sie vor meinen Augen leer und als segelte ich einsam über einen Wasserspiegel, der andere Konturen hatte als die, die das Sonnenlicht gegeben. Ich saß da, so stark von diesem Gefühl erfüllt, daß ich vergaß, daß ich nicht allein war, und zusammenzuckte, als erwachte ich zu einer neuen Wirklichkeit, als ich die Stimme meiner Frau vernahm. Sie sprach leise, so als spräche sie zu sich selbst, und ich hörte im Anfange die Worte, ohne sie zu verstehen.
„Ich habe so oft gedacht,“ sagte sie, „daß es Menschen geben muß, die etwas brauchen, an das sie glauben können, und denen Unrecht widerfährt, wenn man ihnen ihren Glauben nimmt. Ich bin so glücklich, daß ich so glaube wie Du. Ich will nichts thun, was Dir nicht recht ist, nicht einmal etwas glauben, was Du nicht weißt. Aber ich kann es nicht lassen, an Gott zu glauben. Bist Du sehr böse darüber?“
Wenn meine Frau mich dies in unserer ersten Jugend gefragt hätte, würde ich gewiß streitlustig geworden sein, und ich wäre mit all den Gründen gegen einen derartigen Glauben angerückt, den die illusionslose Richtung der Zeit mich gelehrt hatte fast mit nachsichtiger Geringschätzung zu betrachten. Die Jahre, die mich älter gemacht, hatten mir wohl keinen Glauben gegeben, mir aber doch das Verlangen genommen, auch nur einen einzigen Proselyten machen zu wollen, nicht einmal wenn dieser einzige meine eigene Frau wäre. Was ich glaubte, war nichts Festes, nur ein Suchen, das Größte zu finden, und mehr als ein Mal hatte mich schon in meiner frühen Jugend die Dürftigkeit dessen, was man mit einem schlechten Worte Materialismus nennt, durch seine trockene Kühle überrascht. Aber von solchen Dingen, die in mir selbst noch zu unklar und formlos waren, sprach ich im Allgemeinen ungerne, und ich fühlte mich jetzt durch die Worte meiner Frau gleichzeitig überrumpelt und gedemütigt.