Rein von Wolken, die die Sonne verdunkeln, steht der Sommer vor mir, der auf diesen Frühlingsausflug folgte. Mit welcher Lust arbeitete ich, und wie leicht schritt die Arbeit vorwärts. Blatt um Blatt wurde ruhig und mühelos zu dem Buche gelegt, das zum Herbst herauskommen sollte, und mehr als einmal stand das Mittagsbrot auf dem Tische, wenn die Thüre zum Arbeitszimmer verschlossen wurde und Elsa sich niedersetzte, um die Seiten vorlesen zu hören, die während des Vormittags geschrieben worden waren. Still und glücklich saß sie da und freute sich, daß der Stoß dicht beschriebener Blätter auf dem Tische gewachsen war. Denn sie wußte wohl, wer der Arbeit Leben gab. Sie wußte, daß das, was ich von Menschen dichtete, aus langen Gesprächen zwischen mir und ihr hervorwuchs, und sie war es zufrieden, daß ich sie mein Notizbuch nannte, das sicherer als irgend eine Schrift meine Gedanken bewahrte und sie mir frisch und erneut wiedergab. Denn wenn ich sie dann aus dem treuen Gedächtnis emporholte, das meine eigenen Gedanken besser barg als ich selbst, sah ich sie durch das Vergrößerungsglas der Liebe wieder, mit dem sie all das sah, was sie und mich betraf, und vor Allem meine Arbeit. Darum hatte auch sie, während ich las, die Empfindung, daß das, was sie selbst mit mir in ungeordneten Phantasieen gesehen, nun in dem Geschriebenen Form gewonnen hatte. Sie genoß eine stille, seltsame Mutterfreude, indem sie so diesen meinen geistigen Kindern auf ihrem Entstehungswege folgte, und dennoch war sie eifersüchtig auf sie, weil sie sich einbildete, daß sie meine Gedanken so erfüllen konnten, daß sie sie selbst, das Heim, die Kinder und alles, was es im Leben gab, verdrängten. Ja, ich glaube nicht, daß sie auch nur ahnte, wie dieses Zusammendichten mit ihr mir kostbarer war als die Dichtung selbst.

Wie kindisch es auch klingen mag, so ist es doch wahr, daß nichts mich je so zu geistiger Thätigkeit angespornt hat, als wenn ich aus ihrem Gesichtsausdruck, der nie das, was sie dachte, verhehlen konnte, entnahm, daß es mir geglückt und daß sie zufrieden war. Ich konnte, während ich schrieb, an dieses Vorlesen denken, und dieser Gedanke zerstreute die hundert ungebetenen Phantastereien, die sonst so gerne die Feder hindern wollen, zu arbeiten. Aber wenn wir die Lektüre beendet hatten und hinaus in das Speisezimmer kamen, da lachten wir darüber, daß der Hecht kalt geworden war und daß die Jungen, die notdürftig gewaschen, bloßbeinig und sonnverbrannt dasaßen, hungrig und erwartungsvoll aussahen.

„Wir sitzen schon so lange hier und warten,“ knurrte Olof. „Wo seid Ihr denn gewesen?“

„Wir haben Papas Buch gelesen,“ sagte Mama.

„Hättet Ihr damit nicht bis nach dem Mittagessen warten können?“

„Nein, das konnten wir nicht.“

„Das muß ein komisches Buch sein,“ bemerkte Olof.

Aber Svante, der noch nicht zu buchstabieren angefangen hatte, nahm Papas unbekanntes Buch in Schutz, und wie immer war Mama diejenige, die den Zwist beilegen und die unruhigen Gewässer beruhigen mußte.

Aber was für ein Sommer war das! Was für ein herrlicher Sommer, voll Arbeitsfreude, Schärenwinden, klarer Sonne und lauen Mondscheinabenden! Er steht vor meiner Erinnerung wie ein einziger Sonnentag. Ich erinnere mich der Freunde, die mit ihren Segelbooten an unserer Brücke landeten, ich erinnere mich der Ausfahrten mit Eßkörben bei frischem Sommerwind, des Badens im offenen Meer, wo Olof schwimmen lernte und Svante sich im Sande rollte, um seine Anlagen zu zeigen. Ich erinnere mich der Festtage mit Blumenguirlanden und Versen, Erdbeeren und Wein, der langen, stillen Spaziergänge durch den Tannenwald, der sich zu einem sonnenbeleuchteten Fjord öffnete, und ich erinnere mich an den Fährmann, der uns im Segelboot zu begleiten pflegte und uns alle aus seinem grauen Kinnbart anlachte.

Wie kurz war dieser Sommer, und wie frühe kam der Herbst! Mit welcher Wehmut verfolgten wir nicht die Veränderungen der Natur, wie die Abende länger und die Tage kürzer wurden, wie man die Wiesen mit ihren herrlichen Blumen abmähte, so daß Alles kahler wurde, wie der Roggen sich gelb färbte und das Schilf hoch und groß rings um die Ufer wuchs, einen dichten, wehenden Wald aus Grün mit violetten Blütenbüscheln bildend, wo früher das Wasser munter über die Steine geplätschert hatte.