„Laß uns den alten Weg durch den Wald gehen.“
Und ohne meine Antwort abzuwarten, ging sie voraus. Es war, als sei ihre frühere Lebendigkeit zurückgekehrt, als hätte sie nun in einem Nu die ganze Schwere der Leiden und Sorgen Anderer von sich abgeschüttelt, all dies, das das Land unserer Erinnerungen umschattete und uns an diesem ganzen wunderlichen Tage mit allem Weh und Elend der Welt verfolgt hatte. Sie führte mich gerade in den Wald hinein, auf einem schmalen Pfad, auf dem die Tannen ihre Aeste über unseren Häuptern vereinigten. Der Weg war weich und leicht zu gehen. Rings um uns zitterte der Sonnenschein auf feuchtem Moos und einer Perspektive von Aesten und Stämmen. Der Pfad führte zu einer kleinen Bucht hinab. Dicht an einer steilen Klippe schnitt sie in den Wald, und gegen den Strand zu ließen die spärlichen Bäume das Sonnenlicht durch, das auf eine offene, schwach begrünte Lichtung fiel.
Hier blieb Elsa stehen und begann die Stämme der Bäume zu durchforschen. Und als ich sie so suchen sah, da erwachte auch in mir eine Erinnerung, die so lange geschlummert hatte, daß sie mir in elf Jahren kaum einmal in den Sinn gekommen war.
Es war an einem Abend, als wir noch in jenem Häuschen wohnten, das nun der Erde gleich gemacht war. An einem Augustabend war es. Und denselben Pfad verfolgend, waren wir hierher gekommen, um von einem schönen Sommer Abschied zu nehmen. Da hatte meine Frau eine schwarze Stecknadel aus ihrem Kleide genommen und sie in der Rinde einer Tanne befestigt.
„Ob sie wohl noch da ist, wenn wir das nächste Mal herkommen,“ hatte sie gesagt.
Diese Erinnerung huschte durch meine Seele, und es wurde mir wehmütig ums Herz. Da sah ich meine Frau mit einem leisen Aufschrei einer kleinen Tanne zueilen. Aus ihrer Rinde zog sie eine rostige Nadel, und indem sie mir um den Hals fiel und mich küßte, weinte sie Thränen des Glücks.
Behutsam steckte sie die Reliquie wieder in die Rinde des Baums. Denn sie brachte es nicht übers Herz, sie wegzunehmen. Vielleicht hatte sie eine abergläubische Furcht, daran zu rühren. Aber seit sie sie gefunden, verschwand der schmerzliche Eindruck eigener Enttäuschung und fremder Not, er verwischte sich in uns Beiden. Und als hätte uns dieser kleine Vorfall tröstende Grüße guter Geister gebracht, wanderten wir selig zurück über verbrannte Stätten, die uns nichts anderes gelassen hatten, als eine alte, rostige Nadel, die so gut geborgen war, daß Niemand sie fortnehmen konnte.
10.
Wie oft habe ich nicht dieser Fahrt über verbrannte Stätten gedacht, wie oft ist sie mir nicht seither als ein Symbol unseres ganzen Lebens erschienen!
Aber damals wirkte dieses Ereignis ganz anders auf uns, als jetzt, wo ich mich daran erinnere. Damals wirkte es so, daß wir zu unserem dritten Landaufenthalt gingen, den meine Frau zuerst gar nicht hatte sehen wollen, und dort zum zweiten Male unser Heim für den Sommer mieteten! und leichten Herzens zogen wir hinaus in die Gegend, an die wir uns durch eine rostige Nadel, die Niemand fortgenommen, gebunden fühlten.