Aber trat Sven hinaus in den Hof, dann folgte Pudel ihm, wohin er auch ging. Mit seiner kurzen gespaltenen Schnauze schnuppernd, stand er da und sah zu, wie Sven langsam und bedächtig Sand in eine kleine Blechbüchse schüttete oder zuweilen zu der weniger geeigneten Zerstreuung überging, in der Wassertonne zu plätschern. Pudel folgte ihm die ganze Zeit, und näherte sich irgend ein Fremder, so begleitete Pudel dessen Gehaben mit mißtrauischen Augen, in jedem Augenblick bereit, falls die Verhältnisse sein Einschreiten erforderten.

Sven und Pudel wandelten im übrigen ihre eigene Straße, und mehr als einmal hatten sie das ganze Haus in plötzlichen Schrecken versetzt, indem sie auf den unerfindlichsten Wegen verschwanden; und nachdem man schon daran verzweifelt hatte, sie je lebendig wiederzusehen, tauchten sie urplötzlich auf, als sei nichts geschehen, Beide gleich erstaunt über die Aufregung, die sie hervorgerufen hatten.

Es wäre unrecht zu sagen, daß Sven eigentlich ein ungehorsamer Knabe war. Aber in diesem Punkt war er nicht leicht zu behandeln. Mehr als einmal hatte Mama ihm die Rute versprochen, wenn er noch einmal auf eigene Hand fortliefe, und mehr als einmal hatte sie mir unmittelbar darauf versichert, daß sie das Herzblut desjenigen sehen wollte, der es wagte, Sven zu berühren. Aber hierin schien Sven Vorwürfen und Ermahnungen gleich unzugänglich zu sein, und er stand so erstaunt bei Mamas heftiger Freude da, ihn nach solchen Ausflügen lebendig wiederzufinden, als wunderte er sich, daß sie Beide über irgend etwas auf der Welt so verschieden denken konnten.

„Es war doch nicht gefährlich,“ sagte Sven. „Pudel war ja mit.“

Mama wollte nicht schlecht von Pudel sprechen, aber sie versuchte Sven davon zu überzeugen, daß Pudel auf jeden Fall nicht dasselbe war wie ein Mensch. Sie sagte alles, was sie sich nur ausdenken konnte. Sven versprach mit den Aermchen um ihren Hals, daß er nie mehr fortlaufen und Mama Kummer machen wollte.

Aber wenn er so für sich selbst ging und es Frühling war und das Wasser in den Rinnen am Hof floß, da vergaß Sven alles Andere auf Erden, bis auf das, daß er ein kleiner Junge war, der tief hinein in den Wald gehen wollte.

Wer weiß, in welchen Gedanken er einherging, oder ob er auch nur merkte, daß er auf verbotene Wege kam? Er ging und plauderte mit sich selbst, und Pudel folgte ihm, und als er bei der Zaunthüre anlangte, stand sie offen. Da mußte er doch hinausgucken und einen Blick in die Welt thun, die dort draußen lockte, und da sah er auf der anderen Seite der großen Landstraße zu oberst auf dem Grabenrain, wie die gelben Huflattichblumen gegen die graue Erde leuchteten, und so krabbelte er hinüber, so gut seine kleinen Beinchen es vermochten. Aber jetzt war er beinahe im Walde drinnen, und da konnte er nicht länger widerstehen. Hoch und mit knorrigen Aesten erhoben sich die Tannen über seinem Kopfe, und hinein ging er zwischen die Stämme, wo die Sonne auf das Moos schien und die ersten Frühlingsvögel ihre Triller zu schlagen begannen. Eine kleine Feldmaus wischte zwischen den Steinen durch, und der kleine Sven lief ihr nach. Weiter und weiter weg kam er. Da lag ein kleines Moor, und draußen im Moor wuchsen Weidenkätzchen mit glänzenden Gehängen. Die konnte er nicht erreichen, denn da würde er eingesunken sein und sich die Füße naß gemacht haben. Aber er konnte immerhin einige Steine ins Moor werfen und hören, wie es plumps sagte, und die großen weiten Ringe ansehen, die die ganze kleine Wasserfläche in Aufruhr brachten. Das that er auch, und damit fuhr er eine gute Weile fort. Seine Wangen wurden rot, und seine Augen leuchteten vor Entzücken. Fröhlicher und fröhlicher wurde er, und er ging bis auf die Wiese hinunter, wo das königliche Lustschloß lag, und als er hinaus auf den Weg kam, begann er zu laufen. Er lief und lief, und als er an die hohen Gitterthüren kam, sah er, daß er wieder nahe von zuhause war. Da wurde er von neuem froh, weil er den Weg erkannte und weil Pudel schnupperte, mit seinem gestutzten Schwanz wedelte und nach Hause wollte. Und plötzlich begann er sich nach Mama zu sehnen, und da erinnerte er sich an die gelben Blumen, die er in der Hand hatte.

Langsam und bedächtig ging er wieder heimwärts, und es kann schon sein, daß Sven sich jetzt dunkel erinnerte, daß er nicht vom Hause hätte weggehen sollen. Aber eines gab es, was Sven nicht wußte und worauf er sich auch nicht verstand. Das war, wie lange er eigentlich vom Hause fort gewesen war. Denn ein paar Stunden und ein kleines Weilchen war für ihn ein und dasselbe.

Aber als er über die Wiese getrippelt kam und sich gerade wieder in Trab setzte, um zu Mama zu kommen und auf den Schoß genommen und gestreichelt und geküßt zu werden und zu erzählen, wie gut er sich amüsiert hatte, da erschrak Sven dadurch, daß man rings um ihn zu schreien begann. Da war Papa und Mama, Olof und Svante, die beiden Dienstmädchen und noch Mehrere, meinte Sven. Sie schrieen, Einer lauter als der Andere, der Eine hier und der Andere dort. Sven konnte gar nicht sehen, woher sie kamen. Denn gerade als er sich nach einer Seite umwenden wollte, schrie Jemand hinter ihm, und als er sich dann wieder umdrehte, um nach der anderen Richtung zu schauen, wurde er vom Boden aufgehoben und von Jemandem fortgetragen, der so rasch lief, als er laufen konnte, und bevor er sich noch recht besinnen konnte, war er drinnen im Speisezimmer, und Mama selbst nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn an sich, so daß er gar keine Luft bekam.

Sven wußte wohl, daß er vor Mama nie Angst zu haben brauchte, aber dieses Mal verließ ihn doch der Mut. Denn jetzt erinnerte er sich, was sie von der Rute gesagt hatte, und als er Papa erblickte, wurde er wirklich ängstlich. Denn Papa sah strenge aus und sagte in sehr ernstem Ton: