So ging sie eines Abends mit mir über den langen Weg, auf dem wir Niemandem begegneten und den wir deshalb am liebsten gingen. Rings um uns blühten die Syringen und erfüllten die Luft mit ihrem Geruch, und auf dem bleichen, hellen Junihimmel schwebte der Halbmond, ohne ein Licht zu werfen, nur in dem Blau schwimmend, das sich grenzenlos weit wölbte und auf dem blasse Sterne gleichsam zu funkeln versuchten, ohne die Nacht durchbrechen zu können.
Wenn ich mich an diese Zeit und alles, was dann folgte, erinnere, muß ich mit Staunen an unsere Spannkraft denken. Als wäre nur eine Streuwolke über unseren Himmel gezogen und verweht worden, so wandelten wir hier jeden Abend glücklich auf und nieder, und in unseren Gesprächen war nicht der leiseste Schimmer von Wehmut. Alles, was gewesen, lag begraben hinter uns. Es war wohl nicht das sorglose Glück mit dem unerprobten blinden Zutrauen der Jugend zu sich selbst. Es war viel mehr. Es war diese ruhige stille Harmonie, die zwischen Menschen kommt, die zusammen gelitten und überwunden haben, ein Glück, das nichts trüben und nichts zerstören kann, weil es unauflöslich mit dem Innersten des Wesens zweier Menschen verwachsen ist. Wir wußten in dieser Zeit, daß wir nichts wünschten, nichts begehrten, als das, was wir schon besaßen. In solchen Perioden des Lebens kann der Eine die Einsamkeit suchen, um seine Thränen zu trocknen, weil er sich schämt, zu zeigen, wie glücklich er ist. Keine fremden Gedanken, die ihre eigenen Wege gehen, keine Phantasieen, kein Verlangen kann diese seltsame Stimmung steigern, aus der die Lebenskraft quillt. Alles, wovon Sagen und Lieder gesungen, lebt da sein volles, niemals versiegendes Leben, so wie keine Dichtung es wiederzugeben vermag, und ich glaube, daß solche Erfahrungen allein das Zusammenleben zwischen Mann und Weib heilig machen können.
Wenigstens fühlten wir so in diesen linden Frühlingsnächten, in denen unsere Spaziergänge immer an demselben Platze schlossen, vor den Betten der schlafenden Kinder. Wir sprachen nicht viel von dem, was wir fühlten. Aber eines Abends sagte meine Frau:
„Wie lange ist es, daß wir verheiratet sind?“
„Warum fragst Du? Du vergißt ja Daten nie.“
„Ja, aber kann es wahr sein, daß es mehr als zehn Jahre sind? Kann es wahr sein, daß wir so alt sind?“
„Betrübt Dich das?“ antwortete ich und lächelte.
Sie schmiegte sich an mich und nahm meinen Arm.
„Es gab eine Zeit, wo ich solche Angst hatte, alt zu werden,“ sagte sie. „Und das habe ich noch. Aber ich verstehe nicht, wie Leute davon sprechen können, daß man in der Jugend am meisten liebt und am glücklichsten ist. Das müssen Menschen sein, die nicht lieben können.“
Ich versuchte einen Einwand. Aber sie unterbrach mich, indem sie von Anderen zu sprechen begann. Sie sprach von Freunden, denen wir zugethan waren, von Bekannten, mit denen wir verkehrten. Und sie stellte in Abrede, daß sie glücklich sein konnten. Sie erzählte Züge aus ihrem Leben, was sie gethan und was sie gesagt hatten. Noch länger verweilte sie bei dem, was sie nicht gethan und nicht gesagt hatten. Und sie schloß mit den Worten: