„Ich glaube, Du meinst, Du hast Mama gesund gemacht.“
„Das hat er auch,“ antwortete meine Frau.
Und wieder sah ich den Ausdruck in ihren Zügen, der mir früher so fremd erschienen war, aber den ich mehr und mehr zu verstehen anfing.
Sie schloß sanft den Kleinen in die Arme, und aus ihren Augen fielen zwei klare Thränen. Dann reichte sie mir die Hand und sagte:
„Ich bin so froh, daß ich wieder zu Hause bin.“ Ich konnte nichts erwidern. Ich sah nur auf die Gruppe vor mir, und ich wußte, daß ich hier das Glück hatte, das ich vor ein paar Wochen noch kaum zu erhoffen gewagt. Und doch fühlte ich in meinem Herzen einen Stachel, wie von einer grauenden Ahnung hoffnungsloser Einsamkeit.
5.
An den Frühling, der jetzt kam, erinnere ich mich wie an ein Meer von Blumen, das jeden freien Platz in unserem Heim erfüllte. Die Hyacinthen mischten sich nach und nach mit blauen Anemonen, die blauen Anemonen mit weißen, mit Goldlack und Violen, und endlich, als der Johannistag herankam und der Sommerwind in den herabgelassenen Gardinen spielte, kamen die blühenden Syringen.
Mama und Sven waren es, die die Blumen herbeischafften, und es wäre schwer zu entscheiden, wer von ihnen Beiden Blumen am meisten liebte. Ich sehe sie noch Seite an Seite, die Hände voll Blumen, rotwangig und plaudernd über den großen Hof zu der offenen Veranda gehen. Ihr Haar war ebenso schwarz wie das seine blond, aber ihre tiefen blauen Augen waren gleich. Sie bildeten den seltsamsten Kontrast, und doch waren sie ähnlicher, als Mutter und Kind zu sein pflegen. Sie gehörten zusammen, als wären sie geschaffen, stets vereint zu sein, stets mit Blumen in den Händen zu gehen, bis zu des Lebens Ende Hand in Hand zu wandeln und einander in die Augen zu blicken. Niemand konnte sie zusammen sehen, ohne daß sein Gesicht von einem sonnigen Lächeln erhellt wurde, und oft konnte ich das merken und meinen eigenen Reichtum noch erhöht fühlen.
Denn in dieser Zeit dünkte mich das Leben reich und voll wie nie. Ich vergaß wieder alles, was meine Seele mit schweren Ahnungen erfüllt hatte, und der Moment war mir genug. Es kam mir vor, als hätten wir alles, was traurig und schwer war, nur durchmachen müssen, um nachher ein umso volleres Glück zu genießen. Ich war dankbar für jeden neuen Tag, der ging, ich war froh, daß ich vergessen konnte, und ich hatte das Gefühl, als würden wir einem Glück entgegengetragen, höher als das, welches Menschen erreichen.
Ich glaube, daß auch meine Frau, wenigstens eine Zeit lang, dieses mein Gefühl teilte. Denn von ihr ging dieser stete Strom von Glückseligkeit aus. Sie war wirklich zum Leben zurückgekehrt, sie fühlte sich gesund, sie lebte unter großen alten Bäumen und in einem Ueberfluß von Blumen. Sie hatte uns alle um sich, und nichts störte ihre Ruhe.