Papa sah und sah und ahnte, daß etwas ganz Merkwürdiges vorgefallen war. Endlich ging ihm ein Licht auf, und da mußte er den Kleinen in die Höhe heben und wieder niederstellen.
„Jetzt ist Sven aber ein richtiger Junge geworden,“ sagte Papa.
Und mit diesem Attest seiner Männlichkeit lief Sven fort, um sich den großen Brüdern zu zeigen und von Martha bewundert zu werden.
7.
Der Sommer, der in einer so lächelnden Umgebung begonnen, sollte sich jedoch an der Westküste fortsetzen, und die Ursache war die, daß eine Sehnsucht, stärker, als ich sie schildern kann, mich hinzog.
Ich kann nicht sagen, wie diese unvernünftige Sehnsucht in mein Blut kam. Möglicherweise lag die Ursache darin, daß ich einmal als Kind einen Sommer an der Westküste verbrachte, und es ist ja ziemlich unentschieden, welche Rolle diese frühen, selbst vorübergehenden starken Kindheitseindrücke bei der Bildung des Grundstoffs der Gefühle spielen, der dann unser Leben bestimmt.
Es will mir selbst wunderlich erscheinen, daß die Erinnerungen an diese Wochen sich durch mehr als dreißig Jahre so lebendig erhalten konnten. Ich war nämlich damals erst sechs Jahre alt, und aus diesem Alter pflegen alle anderen Erinnerungen, außer denen an das Heim, in dem man jahrelang gewohnt, zu verblassen. Aber viele Jahre hindurch habe ich das Meer vor mir gesehen, so wie ich es damals sah ... Ich habe es mit himmelhohen Wellen gesehen, bis ins Undenkbare durch die Phantasie des Kindes vergrößert. Ich habe den Tang, die Quallen und die Seesterne gesehen, das ganze reiche Leben auf dem Meeresgrund in seichten Buchten und an grauen Klippen. Ich habe kahle Felsen sich über dem Meere erheben gesehen, das sich an ihrem Fuße brach, und ich habe die wunderliche Erinnerung eines großen Sturms in mir auftauchen gefühlt, der Mengen von Sand gegen mein empfindliches Kindergesicht peitschte.
Es ist wunderlich, daß man so lange herumgehen und eine solche Erinnerung mit sich herumtragen kann, und noch wunderbarer, daß sie es vermag, eine solche Macht über unsere Seele auszuüben. Eine solche Erinnerung ist von einer sehnsüchtigen Wehmut erfüllt, die dem Traum des jungen Mädchens von dem Ritter gleicht, der sich eines Tages zu ihrem Ohre neigen und ihr Verheißungen eines überschwänglichen Glücks zuflüstern wird. Sie gleicht dem, was der Jüngling fühlt, der die Siegesverheißungen der Zukunft in seinen pochenden Adern singen hört. Ja, sie gleicht vielleicht am meisten dem stillen Zukunftsglauben, der bei Männern lebt, in denen der Jüngling nie ganz gestorben ist. Sie lag tief in meiner Seele wie Heimweh, und es dauerte Decennien, bis ich ihrer Mahnung gehorchen konnte.
Aber als ich nach vielen Jahren endlich so weit kam, zu wissen, daß ich einen Sommer am Meer genießen konnte, da war es meine Frau, die mich befürchten ließ, daß meine ganze Freude in Rauch aufgehen würde. Meine Frau hatte nämlich niemals die Westküste gesehen, und ich wußte, daß sie eine Art von Widerwillen gegen die ganze Reise hegte und nur nachgab, weil sie begriff, daß der geringste Widerstand mir wehe thun würde. Das wußte ich, weil sie einmal gesagt hatte: „Ich kann mir keinen Sommer denken, in dem man keine Bäume sieht.“ Und ich begriff sehr wohl, daß, als ihr diese Worte entschlüpften, sie einen Widerwillen gegen diese ganze Fahrt verriet, der so tief saß, daß sie selbst fürchtete, ihn nicht überwinden zu können. Da sie jedoch sah, daß ich ihre Antipathie gemerkt hatte, that sie Alles, um diese Worte in meiner Erinnerung auszulöschen. Aber sie verließen mich nicht, und ich fing an, mich beinahe beklommen zu fühlen, wenn ich an mein ersehntes Meer dachte.
Diese ganze Sache war für mich weder so unbedeutend noch so thöricht, als sie vielleicht klingen mag. Niemand kann eine wirkliche Freude fühlen, wenn sie sich mit Mißtönen mischt, und der schlimmste Mißton, den ich mir denken konnte, war, wenn meine Frau meine Freude nicht teilte. Ich hatte mich ja daran gewöhnt, mich nie einsam zu fühlen, weder in Freude noch in Schmerz, und es brachte mich außer mir, daß ich nun merkte, daß ich mit meiner Sehnsucht allein stand.