Vor unseren Fenstern lag das Meer ruhig und groß.
8.
Diese Erinnerung habe ich schon vor Jahren aufgezeichnet. Ich wußte damals nicht, daß ich einst einen anderen und größeren Kampf mit meiner Frau kämpfen würde, einen Kampf, nach dessen Beendigung ich einsam dastehen sollte, und doch nicht einsam, niedergebeugt, aber doch nicht ohne Hoffnung.
Jetzt sehe ich uns auf der höchsten Klippe vor unserem weißen, traulichen Hause sitzen. In einer Pracht, die stets neu ist, die Abend für Abend wechselt, versinkt die Sonne ins Meer, und zwischen uns sitzt Sven. Er ist bloßfüßig und braun, und weil es gegen Abend kühl wird, steckt er seine kleinen Füße unter Mamas Kleid. Er bettelt, so lange aufbleiben zu dürfen, als die Sonne zu sehen ist. Sich wundernd folgen seine Augen dem letzten flammenden Schimmer der Sonne, die in dem ruhig wogenden Meer verschwindet. Er sitzt da, das Kinn in die Hand gestützt, als dächte er an etwas Ernstes, das er nicht in Worte kleiden kann. Und als er endlich weiß, daß er zu Bett gehen muß, hängt er sich an Papas Hals und bittet, daß ich ihn trage.
Mit meiner leichten Bürde auf den Armen steige ich sachte über die Klippen, und als ich wiederkehre, sehe ich gegen den Himmel die dunkle Silhouette der Gestalt meiner Frau. Sie sitzt, wie Sven eben saß, und ihre Augen suchen den Punkt, wo die Sonne untergeht und die Flammen der Abendröte erloschen sind.
9.
Nie ist Sven so bewundert, so geliebkost, so von allen auf Händen getragen und vergöttert worden, wie in diesem Sommer. Die Lootsen trugen ihn über die Berge und schnitzten ihm Boote, die alten Mütterchen blieben stehen und lächelten strahlend, so wie sie ihn nur erblickten. Die jungen Frauen vergaßen ihre eigenen Sprößlinge und sagten, daß sie niemals ein solches Kindchen gesehen hätten, die Mädchen führten ihn auf die Klippen und spielten mit ihm, ohne daß er sie zu bitten brauchte. Sven ging in beständigem Sonnenschein herum, und er wurde braun und stark in dieser Luft, so wie er es nie gewesen.
Sven war mit einem Worte der Mittelpunkt all unserer Gedanken und die Sonne dieses unseres einzigen Sommers an der Westküste.
Es war jedoch wunderlich, daß er gerade in dieser Zeit einen neuen Gesprächsstoff fand, zu dem er immer wieder zurückkehrte. Für Sven war es nämlich eigentümlich, daß er von allem sprach, was ihm in den Sinn kam, und er that es ungekünstelter, als Kinder es zu thun pflegen, vollkommen unbekümmert in Beziehung auf den Eindruck, den er auf einen Erwachsenen machen könnte. Bei Kindern ist es ja sonst gewöhnlich, daß sie bis zu einem gewissen Grade das, was sie denken, bei sich behalten und sich nur mit einer gewissen Zurückhaltung einem Aelteren gegenüber aussprechen. Dies kommt daher, daß sie fürchten, ihre Gedanken von dem Lächeln der Ironie getroffen zu fühlen, selbst wenn dieses Lächeln mit Wohlwollen gepaart ist. Besonders ist dies der Fall, wenn ein Kind gefühlvoller, naiver, seiner Natur nach offener ist als andere Kinder, oder sich in seinem ganzen Wesen von der Mehrzahl unterscheidet.
Sven hatte von dem Moment an, wo er seine Augen aufschlug, nie etwas Anderes als verständnisvolle Wärme um sich gefühlt. Als er in das Alter trat, in dem Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen können, waren ihm beinahe stündlich ein Paar Augen gefolgt, die sich über jede seiner Bewegungen freuten, jedes Wort verstanden und aufmunterten, jede Aeußerung seiner zarten, unschuldigen Seele klarer und besser wiederspiegelten, als er selbst sie gethan hatte. Durch die Liebe seiner Mutter lernte der kleine Sven die ganze Welt um sich kennen, und weil sie zu seiner eigenen sich zärtlich hingebenden Person paßte, so wie er zu ihr, die ihm Tag für Tag etwas gab, was mehr war, als daß sie ihm das Leben geschenkt hatte, so konnte Sven sich auch nichts Anderes denken, als daß er alles, was sich in ihm regte, wuchs und fragte, ebenso natürlich und einfach, wie es kam, ausplaudern mußte.