Vielleicht lag in ihm auch, obwohl er sie nie in Worte kleiden konnte, etwas wie eine Ahnung, daß er nicht her gehörte? Vielleicht band ihn diese Ahnung, wenn auch unbewußt, noch stärker an sie, die unter ihrem Lebensglück lange dasselbe Gefühl verborgen hatte? Wer kann darauf antworten? Oder wer kann es versuchen, zu antworten? Niemand. Nur das Schweigen schwebt über blühenden Grabhügeln.
Aber gewiß ist, daß der kleine Sven eines Tages ein Bild an der Wand von Mamas Zimmer entdeckt hatte, und als er es eine Weile angesehen hatte, nahm er es herunter und betrachtete es schweigend, als begegnete er etwas ganz Neuem, vor dem sein Verstand ganz still stand.
Es war kein Bild nach dem jetzigen Geschmack. Es liegt wenig Kunst darin, und es erzählt eine Geschichte. Es giebt eine Sage, die der Todeszug heißt. Ueber eine weite Haide geht der Tod. Er ist in einen weißen Mantel gehüllt, der das Gerippe verbirgt, aber den Todtenschädel frei läßt. Ihm folgt ein langer Zug von Jungen und Alten ohne jeglichen Unterschied, und der Zug ist so lang, daß er in der Unendlichkeit zu verschwimmen scheint, und Niemand kann seinen Schluß sehen. In der Hand hält der Tod eine Glocke, und man sieht, daß sie eben erklungen ist. Man sieht es, denn am Wege sitzt ein vom Alter gebrochenes Weib und streckt flehend seine Hände nach dem Unerbittlichen aus, der, ohne sie anzusehen, an ihr vorüberschreitet. Aber ganz nahe hinter dem Tode steht ein junges Paar, das sich liebt. In dem Ohr des jungen Mannes ist die Glocke des Todes erklungen, und die Liebesarme der Verzweiflung können ihn nicht zurückhalten. Der Zug des Todes geht weiter, und wenn die Stelle kommt, die für ihn im Zuge offen steht, muß er mitschreiten, und sein Platz auf Erden wird leer stehen, und keine Sehnsucht kann ihn zurückrufen. Aber da wo der Zug zu enden scheint, schimmert es wie ein Licht der Morgenröte.
So ist das Bild, und Mama hatte es auf die Schäre unter anderen Bildern und Photographieen mitgenommen, mit denen sie unser neues Sommerheim schmückte, und auf eine Photographie dieses Bildes blickte Sven einmal unverwandt, als er Mama fragte:
„Was ist das?“
Und Mama erzählte die Sage von dem grausamen Tod, der kommt und den mitnimmt, der jung ist, und den Alten, der bettelt, mitkommen zu dürfen, zurückläßt. Sven hängte das Bild wieder an seinen Platz.
Aber am nächsten Morgen nahm er es abermals herab, und als er es eine Weile angesehen hatte, mußte Mama die ganze Geschichte zum zweiten Male erzählen.
Wieder saß Sven da und hörte zu, und wieder wurden seine großen Augen ernst und verwundert.
„Glaubst Du, Mama, daß der junge Bräutigam sehr betrübt ist, weil er sterben muß?“ sagte Sven.
„Ja,“ antwortete Mama, „aber sie, die seine Braut ist, ist noch betrübter.“