Wir hatten diesmal einen ganz anderen Ort gewählt, als die Schären der Westküste, und wir hatten dies gethan, damit meine Frau sich mit all dem umgeben konnte, was sie im vorhergehenden Sommer vermißt hatte. Denn wie sehr das Meer sie auch ergriffen hatte, barg sie doch in tiefster Seele eine Art Abgeneigtheit gegen die See, die in einsamer Majestät herrschen will und keine hohen Bäume und blühenden Matten in ihrer unmittelbaren Nähe duldet. Im Innersten sehnte sie sich immer nach belaubten Hainen und üppigen Blumen, und der Sieg, den ich in meinem Kampf fürs Meer errungen, war also nur halb. Darum kamen wir überein, für die Zukunft abwechselnd den Ort unseres Sommeraufenthalts zu bestimmen. Und diesen Sommer wollten wir überdies mit Anderen theilen, das wiederbeleben, was einmal unsere Herzen erfüllt, als all unser Glück sich im Kreise von lauter Freunden wiederspiegelte, die in unserem Hause so kamen und gingen wie in ihren eigenen.

Um den Kontrast zu dem Sommer auf der Schäre so stark als möglich zu machen, wählten wir „Lidingön“, und in dem oberen Stockwerk eines halb verfallenen Herrenhofs schlugen wir unser Sommerheim auf.

Es war eine Wohnung mit vielen großen Zimmern, eine Wohnung mit schrägen Fenstern, fleckigen Tapeten und altväterischen großen Veranden, einer langen und schmalen, die nach dem Hof ging, und einer kleineren, von der aus man über den Garten sah, mit seinen ungeharkten Wegen und den wildwuchernden Beerensträuchern, über die Eichen weit hinaus nach der Landzunge und der ganzen stillen, hellen Bucht sah, die in Grün gebettet dalag und einem ruhigen Binnensee glich. Die Veranden waren zu beiden Seiten des Hauses ganz und gar von wildem Wein überwachsen, und auf der Veranda nach dem Meere war die eine Seite mit Kaprifolium bedeckt. Das Ganze machte den Eindruck eines Hauses, das im begriffe ist, überwuchert, überwachsen zu werden, zu verschwinden, um wieder eins mit der Natur zu werden. Wenn man auf der kleineren Veranda saß und träumend über den Garten blickte, auf die Eichen und die ruhige Bucht, mußte man daran denken, daß alles, was hier gepflügt oder gebaut war, einmal verschwinden und daß der Tag kommen würde, wo neue Menschen das in der Erde verborgen fanden, was der Freude und Sorge längst vergessener Menschen eine Heimstatt gegeben hatte und Nahrung ihren Körpern. Wehmütig ohne jede Düsterkeit schlich sich dieses Gefühl über den, der da saß und die Stimmung dieses kleinen Flecks in sich aufnahm, und es wurde ihm zu Mute, als hätte alles irdische Glück darin bestanden, hier zu leben, bis das Haus fiel und das Unkraut alles verdrängte, und dann einschlummern zu dürfen, mit dem Gebäude, das in Ruinen zerfiel, und den alten Bäumen, die morsch und abgelebt zusammensanken, und eins zu werden mit der unfruchtbaren Erde selbst, die es auch müde geworden zu sein schien, das zu tragen, was bestimmt war, ihren Bebauern Leben zu geben.

Hier wuchsen die Syringen dicht, der Goldregen hing prächtig und schwer über ungepflegte Beete und Rabatten, wo die Mohnblumen sich überreif zur Erde neigten und die Rosensträucher sich drängten. Hier war alles, was meine Frau an Stimmung und Natur liebte. Hier war etwas von einer sterbenden melancholischen Ueppigkeit, die mit ihrem ganzen Seelenleben übereinstimmte. Hier ging sie umher, als wäre sie vom ersten Augenblick an daheim. Hier vergaßen wir, daß das Leben und die Menschen uns schwere Wunden geschlagen und daß wir selbst uns gewehrt und zurückgeschlagen hatten. Hier vergaßen wir den Zwang des Winters und seine enervierenden Vergnügungen. Und auf der anderen Seite der Bucht hatten wir Freunde, zwischen deren Brücke und der unseren die Boote häufig hin- und hergingen.

Aber die ganze Umgebung lastete schwer auf mir, und ich hatte das Gefühl, als hinderte sie mich am Arbeiten. Sie versetzte mich in eine Stimmung, die verschieden von allem war, was ich je erfahren. Aber die Zeit verging, und mit ihr kam die Ruhe. Mit einer Stärke wie nie zuvor kam der Genius der Arbeit über mich, und ich wurde von nichts anderem gestört als von Sven.

Denn er war der Einzige, den wir nie lehren konnten, daß Papa in Frieden gelassen werden müßte, wenn er arbeitete. Er öffnete die Thüre so sachte, als wollte er zeigen, wie wichtig es war, daß Stille herrschte. Sah ich ihn dann an, so legte er den Finger auf den Mund und sagte „Pst“ mit einer so machtbewußten und gleichzeitig unschuldigen Miene, daß ich unwillkürlich die Feder weglegen mußte. Sah ich hingegen nicht auf, dann ging er sachte zum Schreibtisch hin und stellte sich neben mich. Er konnte da geduldig die längste Zeit stehen; und wenn ich stark blieb und that, als ahnte ich seine Nähe nicht, dann konnte er wieder seiner Wege gehen, ebenso still, wie er gekommen war. Das geschah jedoch nicht oft, und wenn ich den Kopf nur ein klein wenig drehte, sah ich sogleich die blauen, erwartungsvollen Augen, die die meinen suchten. Und dann war ich verloren.

„Was willst Du eigentlich, Sven?“ sagte ich.

Und ich meinte, daß ich streng aussehen sollte, wußte aber, daß ich es nicht konnte.

Dann war es eine Blume oder ein Stein oder irgend eine andere Seltenheit, mit der er kam. Und ich ergab mich auf Gnade und Ungnade. Ich schob Papier und Feder weg und ließ Sven mich stören, so viel er wollte. Und darüber freue ich mich jetzt.

11.