Die Fenster im Speisesaal stehen offen, der Duft des Flieders strömt mit der Abendluft herein, die Sonne ist im Untergehen, und auf der Wand über dem geöffneten Klavier beben ihre Strahlen. Am Klavier sitzt seine Mama in weißem Sommerkleid, rings herum stehen wir Anderen, und mitten unter uns singt der kleine Sven.
Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen
Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.
Es ist Johannisabend, und Sven ist glücklich. Denn er hat Mamas Versprechen, daß er sich an diesem Abend nicht früher niederzulegen braucht, als bis er selbst will. Das will er natürlich nie, und mit Mamas Hand in der seinen geht er mit den Brüdern und den Großen über die Gartenwege, bis ihm die Augen zufallen und er schlafend in sein Bett getragen wird, nichts von seinem Unglück ahnend, nicht länger wach sein zu dürfen.
Da schläft er mit seinem Freund auf dem Arm, dem weißen kleinen Hund aus Holz, der Wolle hat wie ein Lämmchen und Augen aus schwarzen Stecknadelknöpfen und den Sven „Flocki“ getauft hat. Flocki ist ein friedlicher Schlafkamerad. Er stört Niemanden.
Draußen in den Kronen der Bäume ertönt das erste schwache Vogelgezwitscher, das die Morgenröte kündet.
12.
Ich glaube nicht, daß Sven je ein so wunderbares Zusammenleben mit seiner Mutter gelebt hat, wie in diesem Sommer, oder vielleicht ist es auch möglich, daß ich nie Gelegenheit hatte, es so gründlich zu verfolgen. Möglicherweise trug hierzu der Umstand bei, daß wir in diesem Sommer zum ersten Mal die Gesellschaft unseres großen Jungen entbehrten. Olof hatte nämlich nach dem Norden reisen müssen, um Waldluft zu atmen und sich daran zu gewöhnen, allein vom Hause fort zu sein. Und die Folge davon wurde natürlich die, daß die Zurückbleibenden sich noch inniger als gewöhnlich an einander schlossen. So viel ist gewiß, daß ich in diesem Sommer unbewußt anfing Sven mit denselben Augen anzusehen wie seine Mutter, und daß mir nie so wie damals die Augen darüber aufgingen, wie verschieden er von allen Kindern war, die ich je gesehen, obgleich nichts bei ihm anders war, als was man kindlich nennt.
An einen Morgen erinnere ich mich, daß er mich, als ich spazieren ging, dadurch überraschte, daß er ganz allein auf der Wiese saß mit einem Strauß Glockenblumen und Ranunkeln in der Hand. Ich fragte ihn, ob er mit mir in den Park gehen wollte. Das war ein Anerbieten, das er immer mit Entzücken aufzunehmen pflegte, und es erregte daher mein Erstaunen, daß er sich diesmal energisch weigerte.
„Willst Du nicht mit Papa kommen, Sven?“