Nie bin ich rascher gefahren, und nie ist mir ein Weg länger erschienen. Ich sah im Dunkel die Funken um die Hufe der Pferde sprühen, ich fühlte, wie der Regen nachließ, und sah die Landschaft wie ein dunkles Schattenspiel an mir vorbeifliegen, und die ganze Zeit saß ich da und sprach zu mir selbst unfaßbare Worte, von denen ich nicht verstand, wie sie mir auf die Lippen kamen. Es war, als würde ich durch die Dunkelheit gerade dem entgegengeführt, was für mich kommen mußte, und ich bat bloß um Aufschub, bat, daß er noch lebte, wenn ich ankäme, sodaß er noch einmal seine Arme um meinen Hals schlingen könnte und ich seine Stimme hören dürfte.
Vorwärts ging es, vorwärts in rasender Eile. Der Wagen sprang von der einen Seite des Weges auf die andere. Aber keinen Augenblick fiel es mir ein, daß etwas zerbrechen könnte oder daß wir umwerfen würden. Das war ein prächtiger Bursche, der Kutscher, der an meinen kleinen Jungen dachte, der so schön und lieb war und der nicht sterben durfte.
„Es ist der Vater mit seinem Kind,“ sagte ich laut zu mir selbst. Ohne daß ich es wußte, saß ich da und recitierte Verse, und ein krampfhaftes Schluchzen drängte sich durch meine Kehle, als wollte es mich ersticken, und um Luft zu bekommen, beugte ich mich aus dem Wagenfenster und sah die Landschaft an, in der ich jede Aussicht, jede Biegung des Weges kannte. An den Steinen, über die der Wagen jetzt rüttelte, konnte ich merken, daß wir in den Abkürzungsweg eingebogen waren, der zu meinem Heim führte. Alle Sinne angespannt, sah ich hinaus ins Dunkel, ich sah die Konturen einer Droschke, die auf dem Hofe hielt. Der Doktor ist noch da! Der Doktor ist noch da! Dann hörte ich von der Veranda die Stimme meiner Frau: „Er kommt. Gott sei Dank! Er ist da!“ Und in ein paar Augenblicken war ich die Stufen hinaufgeeilt und stand im Saal.
Ich stand da, und meine Gemütsbewegung war so ungeheuer, daß ich nichts von dem, was ich sah, auffassen konnte. Ich hatte die Empfindung, daß der Doktor dastünde, und ich fühlte, daß meine Frau mich eng umschlungen hielt. Es war mir klar, daß sie froh war, ja überglücklich aussah, und daß ich es auch sein sollte. Ich hörte etwas von einem Ohnmachtsanfall, der jetzt vorüber war und, wie der Doktor hoffte, nichts zu bedeuten hatte. Aber ich konnte nichts sagen und nichts denken. Das Glück kam so unvorbereitet über mich, daß es mich nicht aus der furchtbaren Betäubung wecken konnte, die mich noch in ihrer Gewalt hatte. Mechanisch nahm ich meine Handschuhe und meinen Ueberrock ab, und noch stand ich da und suchte gleichsam meine Augen an das Licht in dem erleuchteten Gemach zu gewöhnen.
„Willst Du nicht zu ihm hineingehen? Willst Du ihn nicht sehen?“ sagte meine Frau. „Er ist wach.“
Und ihre Stimme klang beinahe vorwurfsvoll, als hätte ich sie nicht verstanden.
„Ja, ja,“ sagte ich.
Und ohne zu fassen, was jetzt geschah, ging ich hinein und sah Sven in meinem Bett liegen und zu mir aufblicken.
„Erkennst Du Papa, Sven?“
„Ja,“ sagte der Kleine mit erstaunter Stimme.