Das kleine Brüderchen verabsäumte es auch nicht, daran zu erinnern. Aber ein Schriftsteller hat ja so viel zu schreiben. Er kann nicht jederzeit dazu kommen, über ein kleines helllockiges Kerlchen zu schreiben, das in der Welt nichts anderes ausgerichtet hat, als daß es kam und ging und Allen Freude machte. Und in der Dichtung wie im Leben müssen die Kleinen warten, weil die Großen sie nicht früher vorlassen wollen, bis die Reihe an sie kommt.
Darum hat das kleine Brüderchen auf sein Buch warten müssen, bis zum heutigen Tag. Jetzt bin ich selbst ein Anderer, und alles um mich ist neu. Der Kleine wußte wohl nicht, um was er mich bat, ebensowenig wie ich wußte, was ich versprach.
Aber ich höre eine Stimme, die mich zwingt, das, was ich versprach, zu halten.
Erster Teil
1.
Dieses ganze Buch ist ein Buch vom Tode, und doch handelt es, wie mir scheint, mehr von Glück als von Unglück. Denn Unglück heißt nicht, das verlieren, was Einem teuer ist, das Unglück liegt darin, es zu beschmutzen, zu verderben oder zu entstellen. Und es giebt ein Geheimnis, ich mußte lange leben, bevor ich es lernte. Die Liebe steht niemals stille. Sie muß mit den Jahren entweder wachsen oder abnehmen. Und nicht nur in dem letzten Fall kann sie Leiden verursachen. Der gewaltigste Eros ist der, der Leiden bringt, weil er immer stärker wird.
Aber ich will beim Anfange beginnen und all das, was in diesem Buch geschrieben ist, will ich so erzählen, wie man einen Traum erzählt. Und so seltsam es auch dem Leser klingen mag — all das zusammen ist nur das Buch, um das das kleine Brüderchen mich bat.
Habe ich geträumt, daß ich geliebt, geheiratet und Kinder bekommen habe? Habe ich geträumt, daß ich unsäglich glücklich und unsäglich unglücklich war? Habe ich geträumt? Oder habe ich wirklich all dies erlebt, das mich an nichts anderes von menschlichem Leben, das in meinen Gesichtskreis gekommen, zu erinnern scheint? Es kommt mir jetzt vor, als stünde ich in irgend einer unfaßbaren Weise — nicht über, ach, alles andere eher als über — aber wohl ferne von all dem, und das Einzige, das jetzt zu mir dringt, ist ein Ton der Andacht, so überschwänglich, daß nicht einmal Musik ihn fassen und in greifbarer Weise ausdrücken könnte. Ja, wenn ich einstmals das niedergeschrieben habe, was sich jetzt seinen Weg zu den unbeschriebenen Bogen sucht, die eines Tages vielleicht ein Buch bilden werden, glaube ich hoffen zu können, daß die Erzählung selbst mir den Leitfaden geben wird, um das Rätsel zu lösen, das mich jetzt quält und beunruhigt: was in meinem Leben Traum gewesen und was Wirklichkeit.
Es ist nämlich nicht nur der Kummer, der mich drückt. Es ist auch ein Wundern über das, was geschehen, dasselbe Wundern, das sich auf dem Grunde alles bewußten Lebens regt. — — —
Ich erinnere mich in diesem Augenblick, wie ich eines Abends in das Zimmer meiner Frau kam und sie grübelnd fand, mit einem aufgeschlagenen Buch vor sich. Sie las nicht in dem Buche, und ihr Gesicht drückte Unzufriedenheit aus.