„Dann kam der kleine Sven, Georg, und alles wurde anders. Erinnerst Du Dich, daß ich es Dir schon damals sagte? Erinnerst Du Dich, daß ich es sagte? Ich glaubte damals, daß Gott ihn mir geschickt habe, um mich im Leben zurückzuhalten, damit ich Dich so glücklich machen könnte, wie ich es wünschte, und jeden Abend betete ich zu Gott, daß es mir gelingen möchte. Ich glaubte so fest, daß Gott mich erhört habe, und davon sprach ich mit dem kleinen Sven, wenn wir allein waren und Niemand unsere Worte belauschen konnte. Aber jetzt, Georg, jetzt geht er von mir. Jetzt weiß ich, daß all das Andere, all das, was Du bis jetzt nicht gewußt hast, wiederkommen wird, und jetzt will ich bloß, daß Du mir allen Schmerz verzeihst, den ich Dir zugefügt habe, und allen Schmerz, den ich Dir jetzt zufüge. Aber Du darfst mich nicht bitten, zu bleiben. Dahin, wo Sven geht, dahin gehe auch ich.“
Sie stand vor mir, und sie schien mir in diesem Augenblick größer, als Menschen sind. Ich war in dem Maße auf all das unvorbereitet, was sie jetzt gesagt hatte, daß es mich dünkte, sie erzähle einen unheimlichen Traum, den ich nicht in Wirklichkeit verwandeln konnte. Aber ich fühlte auch, daß, während sie mir den größten Schmerz zufügte, sie die Größe einer Liebe enthüllte, nach der ich nur meine Hände ausstrecken wollte, damit sie mir nicht im selben Augenblick geraubt würde, in dem sie ganz mein geworden.
„Ich kann das nicht ertragen,“ schrie ich beinahe. „Ich kann es nicht ertragen. Dich und ihn verlieren. Du kannst es nicht meinen.“
Sie erhob sich lautlos, und wie eine Niobe, die die Arme um ihre Kinder breitet, die die Pfeile der Götter selbst in den Mutterarmen suchen, stand sie vor mir.
„Laß mich Sven mitnehmen,“ sagte sie. „Er muß ja doch sterben. Ich trage ihn hinab zur Bucht heut Abend, wenn alle schlafen. Es ist ein so kurzer Kampf. Und dann brauch ich Dich nicht noch mehr zu quälen, als ich es schon gethan habe.“
Ich stellte mich ihr in den Weg, und mit der Kraft meiner Arme drückte ich sie gewaltsam auf das Sopha.
„Warte,“ sagte ich, „warte! Du weißt ja selbst nicht, was Du thust.“
Aber sie antwortete mir nur:
„Es wird Dein und mein Unglück, wenn Du mich hinderst. Klage mich nicht an, wenn es dann kommt.“
Sie wand sich in Schmerz unter meinem Griffe, und nach einer Weile fiel sie in eine lange Ohnmacht. Ich legte sie auf das Sopha, und es war mir, als sei alles, was gesagt worden war, ein wahnwitziger Traum. Lange stand ich und betrachtete sie, bis ich hörte, wie ihre Atemzüge lang und regelmäßig wurden, und ich sicher war, daß sie schlief. Da schob ich das Kissen unter ihrem Kopf zurecht und breitete eine Decke über sie.