Ich fand sie nicht im Krankenzimmer. Ich fand sie in meinem eigenen Zimmer, und ihre Züge waren versteinert. Sie saß zusammengesunken auf dem Sopha, die Hand hart an die Wange gepreßt, ihre Augen waren trocken und glanzlos, und sie blickte in das große Dunkel. Ihre Gestalt, ihr Antlitz, ja sogar ihre Hände bezeugten es. Ich versuchte zu ihr zu sprechen, ich versuchte ihren Namen zu nennen, aber sie antwortete mir nicht, und schließlich mußte ich sie ihrem eigenen Schmerz überlassen, angstvoll der Worte harrend, die kommen würden, wenn er einmal losbrach.

Es dauerte sehr lange, bevor das Schweigen gebrochen wurde, und als es geschah, war es nicht mit Worten. Meine Frau streckte nur ihre Hand nach mir aus und zog mich zu sich auf das Sopha. Sie fiel in meine Arme, und ein langes Schluchzen, das aus einer einzigen Brust zu kommen schien, erschütterte uns Beide.

„Du dauerst mich so sehr!“ flüsterte sie. „So sehr!“

„Ich?“

Ich riß mich los und sah auf. Denn in ihrer Stimme lag etwas, das mich mit einer Ahnung erfüllte, die ich nicht als Gedanke in mir emporsteigen lassen wollte.

Sie wendete sich mir mit gefalteten Händen zu und schrie beinahe:

„Du verlangst doch nicht von mir, daß ich darnach lebe, lebe ohne Sven. Ich kann es nicht. Ich kann es nicht.“

Das war meine Ahnung, der sie Worte gegeben, und ich stand da, ratlos und ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können.

„Setze Dich zu mir,“ sagte sie. „Ich werde nicht heftig werden. Ich werde ruhig sprechen. Denn ich bin nicht mehr unruhig. Ich fühle nur, wie alles zusammenbricht. Ich bin schon jetzt fort, obgleich Du es noch nicht fassen kannst, weil Du so wenig weißt und ich so wenig sagen konnte. Aber warum sollte ich es Dir sagen, bevor es unumgänglich notwendig war? Denn ich habe mit Dir leben wollen, Georg, ich habe mit Dir leben wollen, weil ich Dich mehr geliebt habe als alles Andere im ganzen Leben. Ich bin jetzt nicht jung. Ich bin so alt, wie Du nie werden kannst. Du hast es nur nie gewußt, es nie sehen wollen, und wenn ich Dich so glücklich sah, wollte ich Dich nicht stören. Aber so lange ich mich zurückerinnern kann, habe ich gewußt, daß ich nicht wie andere Menschen bin. In mir habe ich das Bedürfnis gefühlt, sterben zu dürfen. Kannst Du das verstehen, was ich Dir jetzt sage, Georg? Ich verstehe es ja kaum selbst. Als ich am glücklichsten war über Dich und die Kinder und alles, was schön ist, immer habe ich gewußt, daß ich eines Tages von allem würde fort müssen und daß nichts mich daran würde hindern können. Ich würde wollen und nicht wollen, wünschen und nicht wünschen. Aber ich würde ins Dunkel gehen, wo ich hingehörte. Ich habe das Gefühl gehabt, daß etwas kommen würde und mich zwingen, mir sagen, daß ich muß. Erinnerst Du Dich an den Winter, Georg, in dem es so schwer und so düster war zwischen Dir und mir? Da versuchte ich Dir zu schreiben, wie mir zu Mute war. Denn sprechen konnte ich ja nicht. Aber ich konnte auch nicht schreiben. Was ich Dir sagen wollte, konnte ich nicht, und ich erinnere mich, wie ich mich darüber wunderte, daß Du mich nicht auch nachher fragtest, mich oft und beharrlich fragtest, obwohl ich Dich gebeten hatte, es nicht zu thun. Zuweilen wollte ich, daß Du mich fragen solltest. Aber meistens war ich froh, daß Du es nicht thatest. Was habe ich gelitten in dieser Zeit, Georg! Wenn Du ahnen könntest, was ich gelitten habe! Du kamst und nahmst meine Hand und setztest Dich neben mich, und ich wurde nicht glücklich wie sonst. Denn ich wußte ja, daß ich Tag für Tag daran dachte, wie ich sterben und von Dir gehen könnte. Ich wollte es selbst thun, Georg. Kannst Du fassen, daß ich mitten in meinem Glücke es selbst thun wollte? Und Du warst gut zu mir und freundlich und froh, und ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein treuloses Weib und betröge Dich. Und weißt Du, warum ich von Dir fort gehen wollte? Ja, weil ich es so sicher wußte, daß es eines Tages geschehen würde, und darum wollte ich lieber gehen, so lange Du jung und stark warst und mich bald vergessen und mit einer Anderen glücklich werden konntest.“

Sie verstummte einen Augenblick, und ihre Augen schwammen in Thränen. Dann fuhr sie wieder fort, und ihre Stimme war wie neu.