Und nach einem Augenblick fügte sie hinzu:
„Sven will es auch. Ich habe mit ihm gesprochen.“
Ohne antworten zu können, beugte ich mich hinab und küßte ihre Hand. Und in dieser Stunde wußte keiner von uns, was Glück und was Unglück war.
19.
Die Tage, die nun folgten, suche ich vergebens von einander zu trennen. Ja, es wäre mir unmöglich, auch nur zu sagen, wie viele ihrer waren. Nacht wurde zu Tag und Tag zu Nacht, und unser Leben hatte bloß einen einzigen Punkt, um den es kreiste: das kleine Zimmer, vor dem die blühenden Kaprifolien die Veranda bedeckten, die Luft mit ihrem Duft erfüllend, und wo unser kleiner Junge lag und mit dem Tode kämpfte.
Hier gingen wir, hier saßen wir Seite an Seite, schliefen, aßen, wachten. Hier verschmolz alles, was wir zusammen gelebt und geträumt hatten, in einem einzigen, verzehrenden Schmerz. Hier that meine Frau, als die letzte Hoffnung erloschen schien, den Kork in die Moschusflasche. Sie, die mit ihm sterben wollte, nahm das letzte Stimulierungsmittel fort, damit sie sich dann nicht vorzuwerfen brauchte, daß sie die letzten Stunden des Kleinen gestört, nur um selbst die Freude zu haben, sein großes Auge uns entgegenleuchten zu sehen.
Denn das rechte Auge war erloschen und dahin. Das Augenlid lag darüber geschlossen, als sei die Hälfte seines Köpfchens schon lange tot, aber wenn das linke Augenlid sich öffnete, glänzte das Auge umso größer. Es wurde so ernst und groß, als blickte es schon in eine Welt, zu der sein Vater und seine Mutter noch nicht Zutritt hatten und in die wir nicht kommen konnten, bevor der letzte Vorhang fiel und wir ihm auf dem Wege folgten, auf dem die Glocken des Todes läuten und der, welcher das Läuten hört, folgen muß, welche Bande ihn auch auf Erden zurückhalten mögen.
Hier saßen wir, wenn die Tagessonne leuchtete, wenn draußen der Regen fiel und wenn die Nachtlampe im Krankenzimmer ihren schwachen, zuckenden Schein über das weiße Bett warf und den kleinen Sven selbst, ihn, den unsere Blicke suchten, um den unsere stummen Unterredungen sich drehten und dem wir nun schließlich die Befreiung von seinen Qualen wünschten! Still, wie er gelebt, lag er auf seinem letzten Lager, und wenn meine Frau sich über ihn beugte, regte er seine müden Lippen und küßte sie.
„Streichle Papa, Sven,“ sagte sie. „Papa ist hier.“
Dann richtete er sein großes, müdes Auge auf mich und legte seine schmale, weiße Hand an meine Wange mit einer Bewegung, als regte er sich nur im Schlaf.