So saßen wir in der letzten Nacht, und näher sind Menschen einander nie gesessen. Wir hielten uns über dem Bett des Kindes an den Händen, und ein leiser Druck sorgte dafür, daß keine Bewegung in seinem Gesicht verloren ging, wenn er aufsah und uns mit seinem großen einzigen Auge suchte. Wir sprachen zu einander: „Hast Du das gesehen? Hast Du es gesehen?“ Und während wir gierig diesen Schatz von Erinnerungen sammelten, der das Einzige sein sollte, was uns blieb, verstrichen die langsamen Stunden der Nacht, und die Morgenröte stieg über der Bucht auf, über die Eichen, über den ganzen alten Garten unter unseren Fenstern.
Als wollten wir der Seele des kleinen Brüderchens freien Lauf lassen, dahin zu fliegen, wo wir ihm nicht folgen konnten, öffneten wir die Thüren zur Veranda, und die frische Morgenluft strömte herein. Es hatte in der Nacht geregnet, und durch zersplitterte Wolken brach die Sonne über die Landschaft, während die Nebel über das Wasser der Bucht flogen. Sie stieg und stieg hinan, und bei ihren Strahlen begannen die Vögel zu zwitschern. Und das ganze herrliche Erwachen der Natur ergriff uns so, daß wir uns zum Schweigen zwingen mußten, um nicht den Kleinen zu stören, der schlief.
„Siehst Du,“ sagte Elsa, „siehst Du? So schön muß es werden, wenn er sterben soll.“
Aber noch zögerte der Todesengel, noch dauerten die ruhigen, regelmäßigen Atemzüge des Kindes fort, und Müdigkeit ergriff uns. Ich nahm meine Frau halb mit Gewalt und zwang sie, sich auf dem Sopha neben dem Bett des Knaben zur Ruhe zu legen. Da schlief sie, mit der Hand auf seinem Bette, und während die Morgensonne emporstieg, saß ich allein wach und lauschte ihren schweren Atemzügen, während in mir alles stille und ruhig wurde, und ich rief nach einem Ende dieser Pein für uns alle. Ich saß da, bis meine Frau sich von ihrem Schlummer erhob. Dann wechselten wir die Plätze, und ermattet schlief ich ein, die Hand auf der Stelle, wo eben die ihre geruht hatte.
So vergingen ein paar Stunden, und die Sonne stieg höher und höher an einem klaren Sommerhimmel empor. Ich erwachte dadurch, daß meine Frau ihre Hand auf meinen Arm legte.
„Wache auf, Georg,“ sagte sie. „Sven stirbt jetzt.“
Ich konnte nicht dort drinnen bleiben. Ich ging hinaus in den Garten; und in dem Gedanken, ihm eine letzte Freude zu bereiten — ihm, der immer Blumen geliebt — brach ich eine Rosenknospe, die schönste, die ich finden konnte, kehrte zurück und legte sie auf das Kissen meines Knaben, neben das Auge, das noch sehen konnte. Außer Stande, es länger ertragen zu können, ging ich wieder hinaus auf die Veranda. Von dort hörte ich, wie Svante hereinkam und sich an das Bett setzte. Aber ich drehte mich nicht um. Ich ging nur und horchte auf die langen, furchtbaren Atemzüge, die wie von einem erwachsenen Manne kamen und mir in die Seele schnitten. Da hörte ich einen Laut von meiner Frau, und ich wendete mich um.
Sven hatte das Auge aufgeschlagen und die Rose gesehen. Dann hatte er seine Hand nach der Blume ausgestreckt, sie aufgehoben, als wollte er ein letztes Mal die Rose sehen, und hatte sie dann zurück auf das Kissen fallen lassen.
Plötzlich wurde sein ganzer Körper von furchtbaren, langandauernden Krampfanfällen geschüttelt. Sie begannen beim Kopfe, der schräg gedreht wurde, und schienen sich bis in die Glieder fortzusetzen, die steif und bläulich wurden. Da senkte meine Frau das Haupt, um nicht sehen zu müssen. Aber als die Anfälle aufgehört hatten, weinte sie still, und wieder reichte sie mir über das kleine Bett ihre Hand.
So saßen wir dort drinnen, bis die Atemzüge aufhörten ... wieder kamen ... sich verlängerten, an Stärke zunahmen ... und aufhörten. Dann wurde Alles still. Das Schweigen des Todes herrschte. Gebeugt und weinend folgten wir den Flügelschlägen der Seele, die im Entfliehen war.