21.

Aber draußen auf dem Kirchhof liegt ein kleines Grab. Es ist wie ein Garten geordnet, mit einer Buchsbaumhecke, einem Rosenstock und einem Hügelchen mit frischem Gras, dessen Gipfel dicht mit Stiefmütterchen bedeckt ist. Es ist verschieden von allen anderen Gräbern, und darüber grünt eine einsame Linde.

Auf dem Hügel ist ein Stein, und auf dem Steine stehen die Worte: „Unser kleiner Sven.“

Da schläft unser Glück, das einstmals größer war als das Anderer. Da unter der Erde ist die Seele meiner Frau gefangen, mit Zauberbanden gebunden, und keine Liebe kann sie zur Erde zurückbringen.

Dritter Teil

Ewig besitzen wir nur das Verlorene.

Henrik Ibsen.

1.

Nichts von dem, was ich erwartet und gefürchtet hatte, blieb aus. Der einzige Unterschied war der, daß, während das Unglück immer größer wurde, ich nicht daran glauben wollte, trotzdem ich es geahnt hatte und wußte, daß es kommen würde. Denn daß der Schmerz kommen wird, das können wir Menschen wissen. Wie er wirklich kommt, wissen wir jedoch nie.

Das Erste, was ich mit unaussprechlichem Entsetzen fühlte und verstand, als wenigstens so viele Tage verflossen waren, daß ich zur Ruhe kommen und über das, was wirklich geschehen war, nachdenken konnte, war, daß meine Frau nie so aus ihrem innersten Wesen gesprochen hatte, als da sie in meinem Zimmer vor mir saß und mir sagte, daß sie zum Unglück geboren sei, und daß sie jetzt, wo Sven dahin sei, nur lebe, um zu sterben. Immer von neuem wiederholte ich ihre Worte, immer von neuem hallten sie in meinem Ohr wieder, und je länger ich an sie dachte, desto gewisser wurde es mir, daß sie einen Kampf kämpfte zwischen dem Verlangen zu sterben und ihrer Liebe zu mir und ihren Kindern, die ihr gebot zu leben. Dennoch begann mehr und mehr alles das, was sie von ihrer Liebe zu uns gesagt, vor meinen Gedanken emporzusteigen und die furchtbaren Worte zu verdrängen, welche von einer Todessehnsucht zeugten, die beinahe ein Entschluß zum Tode geworden war. Ich sah sie hin- und hergerissen zwischen dem Gefühle, das sie an uns drei, die wir noch lebten, band, und der dunklen Sehnsucht, die sie zu ihm zog, der dahingegangen war. Wir waren ein Ganzes für sie gewesen, und daher kam ihr Leiden, sie fühlte, daß sie nie die streitenden Kräfte würde versöhnen können, die um ihre Seele rangen.