Ich sah all dies. Ich sah es während einer Reise, zu der ich sie fast gezwungen, um ihr den Anblick des Meers und der Sonne, neue Menschen und Eindrücke des Lebens zu geben. Nie vergesse ich diese Reise. Nie vergesse ich die Hoffnungslosigkeit, die sich meiner bemächtigte, als ich Woche für Woche immer deutlicher gewahrte, daß alles, was sie sah, an ihr vorbei glitt, als wäre es für sie nicht vorhanden. Sie verbarg mir viel, sie verbarg sogar ihre Thränen, und ich begriff, daß sie das that, weil sie sah, wie ich nur in der Hoffnung lebte, sie zum Leben zurückzuführen, und sie so gerne, so gerne wollte, daß ich solange als möglich diese Hoffnung beibehalte. Ich begriff dies eines Abends, als wir auf einer Veranda saßen und über die norwegischen Fjords und Fjells sahen. Elsa betrachtete lange alles, dann schloß sie die Augen vor dem Bilde, das sie liebte, und sah fort.
„Georg,“ sagte sie, „Georg! Warum läßt Du mich all das sehen?“
Dann brach sie still in Thränen aus, aber versuchte wieder ihrem Weinen Einhalt zu thun und sah zu mir empor.
„Warum thust Du so viel für mich? Warum bist Du so gut gegen mich? Es wäre viel besser, wenn Du mich meinen eigenen Weg gehen ließest.“
Ich fühlte, daß ich vor einem Leiden stand, das sich nicht messen oder wägen ließ. Ich fühlte Reue, daß ich sie dem Schmerze entziehen wollte und daß ich sie es hatte merken lassen. Ueberhaupt versuchen, sie zu leiten oder auf ihren Kummer einzuwirken, schien mir in diesem Augenblick nur elend und klein. Ich zog sie bloß an mich und sagte:
„Weine bei mir! Weine so viel Du willst! Lege Dir keinen Zwang auf! Glaubst Du nicht, daß ich trauere wie Du?“
Die Thränen strömten aus ihren Augen, und doch war das Gesicht, das sie mir zuwandte, so freudestrahlend, als sei ihr das größte Glück widerfahren.
„Wirklich?“ sagte sie.
Daß meine Frau glauben konnte, ich hätte schon vergessen oder sei auf dem Wege zu vergessen, ergriff mich so, daß mein Schmerz losbrach, und ich hörte und sah nichts Anderes, als was ich selbst fühlte und was mich quälte. Ich erzählte ihr, wie nüchtern unser ganzes Heim mir jetzt vorkäme, seit Sven gegangen war. Ich sagte ihr, welche Angst ich hätte, wieder heim zu kommen und die Arbeit des Alltagslebens zu beginnen, jetzt, da ich wüßte, daß seine klare Stimme mich nicht willkommen heißen und er selbst nicht mehr hinter der Thüre versteckt stehen würde, um mich zu begrüßen, wenn ich heim käme. All das sagte ich ihr, und ich fühlte, wie sie an meiner Brust ruhig wurde. Ich war glücklich in dem Bewußtsein, wie gemeinsam wir noch fühlen konnten. Aber ich begriff auch, daß ihre Furcht, ich teilte ihren Schmerz nicht so, wie sie wollte, von ihrer Ahnung kam, daß alles, was ich vornahm, alles, was ich that, dachte und sagte, in dem einzigen Versuche gipfelte, sie selbst zum Leben zurückzurufen.
Darüber dachte ich nun nach. Aber nach diesem Abend veränderte ich, wie ich selbst wohl wußte, mein Benehmen gegen meine Frau. Ich wurde resigniert und erwartete nicht, daß sie so bald ihre Gedanken von ihm, der dahingegangen war, uns zuwenden würde, die sie noch hatte. Dadurch wurde sie vertrauensvoller und offener gegen mich. Aber die Reise glitt an uns vorbei, als wäre alles, was wir gesehen, nur eine Einbildung gewesen. Freunde trafen wir, aber keine Teilnahme vermochte etwas Anderes als Dankbarkeit bei meiner Frau hervorzurufen, die Menschen glitten an uns vorbei, als wären wir selbst innerhalb einer Grenze gestanden, die keiner aus eigenem Willen überschreiten könnte.