Und die Ruhe, die wir erreichen konnten, fanden wir nicht früher, als bis wir eines Abends in unser neues Heim einzogen. Das war eine Wohnung in Stockholm, mit der wir das Haus auf dem Lande vertauscht hatten, in dem wir so viel Böses und Gutes erlebt. Wir hatten dies schon geplant, bevor wir ahnten, daß das, was uns jetzt widerfahren war, geschehen könnte, und mit einem Gefühl der Furcht vor dem Winter traten wir in unsere Zimmer.
Aber dennoch erlebten wir hier die ersten Tage der Erleichterung und der Ruhe im Schmerze. Tausendmal bereuten wir, daß wir je gereist waren und gleichsam unseren Schmerz mit uns geschleppt hatten, um ihn von fremden Menschen betrachten zu lassen.
2.
Auf dem Kirchhof steht ein kleiner Stein mit der Inschrift „Unser kleiner Sven“. Er ist auf den Hügel gelegt, der sich unter einer Linde wölbt deren Blätter schon lange gefallen sind. Am Stamm der Linde steht eine Bank, und auf der Bank sitzt eine einsame, schwarzgekleidete Frau mit langem Kreppschleier wie der einer Witwe. Sie sitzt lange da, und im Herbstlicht spricht sie mit einem, den Niemand sehen kann.
Sie befiehlt dem Kutscher, der in der Nähe des Grabes hält, zurück auf die Landstraße zu fahren. Und sie beugt sich hinab und sammelt in ihrem Taschentuch Erde von dem Grabe. Dann nimmt sie aus einem Nähtäschchen schwarze Seide, Nadel, Faden und Schere. Die Seide schneidet sie zu und näht einen kleinen Beutel. Dann nimmt sie von der Erde und füllt ihn. Sie drückt ihre Lippen auf die dunkle Erde, und als sie das gethan hat, näht sie den Beutel zu. Sie näht dicht und genau, so daß kein Körnchen verloren gehen kann, und an den Ecken des kleinen Beutelchens befestigt sie starke Schnüre. Dann packt sie ihr Nähzeug wieder ein und sitzt lange da, mit dem schwarzen Amulett in der Hand, und denkt daran, daß sie nun ihm geweiht ist, der im Grabe liegt.
Dann beugt sie das Knie unter den kahlen Aesten der Linde und küßt den Stein, der den Namen ihres Lieblings trägt. Stille und feierlich, als vollzöge sie eine heilige Handlung im Beisein vieler Menschen, hängt sie die Schnüre um ihren Hals, öffnet ihr Kleid und legt die heilige Erde an ihre Brust.
Die ganze Zeit über ist ihr Gesicht ernst, aber glücklich und hell, und bevor sie sich erhebt, küßt sie die Erde unter ihren Füßen und bleibt dann stehen, um einen Blick auf das Grab zu werfen. Ein Wald von kleinen Topfpflanzen blüht um das Grab, und frische Blumen sind auf den Hügel gelegt. Kein Grab ist so schön, so gepflegt, keines so reich geschmückt gerade jetzt, wo der Herbstwind die Bäume rüttelt.
Da lächelt sie vor Freude und spricht wieder leise und innig zu einem, den Niemand sehen kann. Dann geht sie zu dem Wagen, der am Thor des Kirchhofs wartet und fährt nach Hause.
Aber als sie heimkommt, geht sie geradeswegs zu mir herein, nimmt das schwarze Amulett heraus und sagt mir, was es enthält. Dann hält sie mir es hin und bittet mich, es zu küssen. Ich thue es, um ihre Freude nicht zu stören und mit einem glücklichen Lächeln birgt sie es wieder an ihrem Busen, indem sie sagt:
„Wenn Du wüßtest, wie glücklich ich mich fühle, wenn ich draußen bei Sven bin, würdest Du dich nicht kränken, daß ich so oft fahre. Ich werde für mehrere Tage ruhig, wenn ich nur zu ihm hinauskomme.“