Dann geht sie wieder und läßt mich allein. Und als ich nach ein paar Stunden von meiner Arbeit aufstehe und sie suche, finde ich sie bei Svens kleiner Kommode, wo sie die Dinge, die einmal ihm gehört haben, durch ihre Hände gleiten läßt.

3.

So kreisen ihre Gedanken stets um ihn, der tot ist, und es giebt nichts, das sie stören kann. Sie spricht davon, daß sie ihm bald folgen werde, und sie thut es in einem ruhigen, vertraulichen, besonnenen Tone, als müßte das die natürlichste Sache der Welt für Andere sein, so wie für sie selbst.

Manchmal pflegt sie hinzuzufügen:

„Ich möchte nur so gerne leben, bis die Knaben ein bißchen größer sind und mich nicht mehr brauchen.“

Dann kann ihr Gesicht einen verzweifelten, zerissenen Ausdruck annehmen, als wüßte sie, daß dieser Wunsch mehr ist, als sie hoffen oder verlangen kann, und ihre Stirne bekommt eine tiefe Falte zwischen den Augen, so, als ob das Grübeln ihr Schmerz verursachte. Sie fühlt, daß sie zwischen Leben und Tod wählen muß, wenigstens in ihren Wünschen, und sie kann es nicht. Darum will sie zuerst eine Zeitlang leben, um Denen, die am Leben sind, alles zu sein, was sie ihnen sein kann, und dann sterben, um bei ihm zu bleiben, dem sie sich angehörig fühlt. Sie sucht eine Versöhnung zwischen dem Verlangen zu sterben und dem Bedürfnis zu leben, und sie fürchtet Beides, weil das eine wie das andere um die Herrschaft in ihrer Seele ringt und jedes in seiner Weise sie grenzenlos quält. Gleichzeitig ahnt sie jedoch, welche der Mächte schließlich den Sieg davontragen wird, und darum fügt sie dies hinzu nicht als ein außerordentliches Ereignis, das Verwunderung und Staunen hervorrufen soll, sondern als etwas Selbstverständliches, das sie erlebt hat und das Niemand bezweifeln kann.

„Erinnerst Du Dich, wie ich sagte, daß ich nicht an ein Leben nach diesem glaubte?“ sagt sie. „Du hast mich gelehrt, so zu glauben.“

Ihr Gesicht verdüstert sich, wie sie das sagt, und es kommt etwas wie Groll in ihre Stimme, das mir weh thut. Sie sieht es, und versöhnend legt sie ihre Hand auf die meine, indem sie fortfährt:

„Jetzt glaube ich daran, und jetzt weiß ich, daß man anfangen kann, ein solches Leben schon hier auf Erden zu leben. Dazu ist nur nötig, daß Jemand fortgeht, mit dem man so verbunden ist, daß man das Gefühl hat, als ginge die Seele mit. Beinahe jeden Abend kommt Sven zu mir. Er kommt nicht, wenn ich es will oder wenn ich ihn bitte zu kommen. Nicht, wenn ich weine und mich sehne, meine Arme nach ihm ausstrecke und seinen Namen rufe. Aber wenn ich es am wenigsten ahne, dann sehe ich ihn neben mir sitzen. Und wenn ich dann so recht ruhig und froh bin, dann lächelt er mir zu und sieht glücklich aus. Er sieht mich dann an, ganz wie er es zu thun pflegte, und bevor ich mich besinnen kann, ist er fort. Aber ich bin doch glücklich. Denn ich weiß, daß er bei mir gewesen ist. Er ist oft gekommen, wenn Du schliefst und ich wach lag. Mehr als ein Mal habe ich daran gedacht, Dich zu wecken. Aber ich habe nie gewagt, es zu thun. Denn ich fürchtete, daß er, wenn Du erwachtest, verschwunden sein würde, und dann würdest Du mir vielleicht nicht glauben, was ich gesehen.“

Sie betrachtete mich die ganze Zeit mit Scheu, als glaubte sie, ich würde ihr widersprechen. Ich thue es nie. Ich weiß ja selbst nicht, was ich glaube. Ich habe so furchtbare Erschütterungen durchgemacht, daß ich nicht zu sagen wage, was Wirklichkeit und was Schein ist in den Erfahrungen der Anderen. Weiß ich es nur von meinen eigenen? Weiß ich, ob nur das, was ich mit meinem Verstande erreichen kann, Wirklichkeit ist? Ist es nicht denkbar, daß es eine Wirklichkeit giebt, die nur mit dem Gefühl oder — warum nicht — mit der Einbildung erreicht werden kann? es kommt mir vor, als hieße es gleichsam mich selbst verstümmeln, wenn ich mein Gefühl und meine Phantasie dazu degradierte, nur dazu zu existieren, um von dem Verstande unterjocht zu werden. In Gedanken vergleiche ich es damit, wenn ich das Auge einen körperlichen Schmerz leugnen lassen wollte, weil er unsichtbar ist, oder das Ohr die Möglichkeit einer Geschmacksempfindung in Abrede stellen, weil sie nicht gehört werden kann. Und wie gut ich auch all die Argumente kenne, die gegen einen derartigen Gedankengang ins Treffen geführt werden, so ist es mir doch unmöglich, sie in diesem Falle geltend zu machen. Ich glaube weder, noch glaube ich nicht. Ich gehe gleichsam in der peinvollen Erwartung herum, einmal über das Klarheit zu erhalten, was ich nicht weiß.