Und dabei wächst in mir ein Gedanke, der in der Stunde Wurzel geschlagen, in der ich wußte, daß mein Kind sterben mußte. Ich begreife, daß, was auch all dies sein mag, Einbildung oder Wirklichkeit, es doch eines Tages meine Frau von mir nehmen wird. Sie ist mit meinem eigenen Leben verwachsen, und ich kann sie nicht missen. Gegen mein eigenes Glück, das ich einstmals so stark wähnte, daß ich von seiner Höhe auf das Anderer herabsehen konnte, erhebt sich die Macht, die das Schicksal alles Lebenden ist. Der Tod steht vor mir, wie er einmal vor dem kleinen Sven stand, auf dem Bilde, dessen Inhalt er immer als ein Märchen erzählt haben wollte. Die Glocke läutet, und der, der nicht von hinnen gehen soll, wird gerufen, und der, dem der Ruf nicht gilt, muß zurückbleiben. Der Unterschied ist nur der, daß ich den Tod aus der Ferne sehe, lange bevor er herangekommen ist, weiß, daß seine Glocke erklingen wird, und daß die, der sie erklingt, mit Freuden scheidet.

Aber ich will nicht thatenlos die Macht des Todes verfluchen. In mir wächst ein Verlangen, das höher geht, als mir selbst bewußt ist. Es ist dasselbe Verlangen, das, als die Gewißheit vom Tode des Kindes meine Frau zu Boden drückte, sie antrieb zu sagen: „Er soll nicht sterben. Er darf es nicht. Ich weiß, daß er nicht sterben wird.“ In gleicher Weise sage auch ich zu mir selbst: „Ich will es nicht. Ich will sie nicht verlieren. Sie soll leben — allem zum Trotz.“ Ich merke nicht, daß ich das Unmögliche versuche. Die Kritik, die sogleich wach war, solange es sich um sie handelte, schlummert jetzt, wo es mir gilt. Ich will mit dem Tode kämpfen, um ihr und mein Glück zu behalten, so wie es einmal blühte, nicht, als das Leben uns entgegenlächelte, aber wenigstens, als wir seine Züchtigung empfangen hatten und doch wußten, daß es lächeln konnte. Ich wollte alles thun, um sie zurückzuerobern. Wie Orpheus wollte ich hinab ins Totenreich steigen, mit meiner Liebe wollte ich sie zwingen zurückzukehren, und folgt sie mir, werde ich mich gewiß nicht umwenden und zu den Schatten zurückblicken.

Das gelobe ich mir selbst, und ich erwarte nicht, daß der Lohn bald kommen wird. Im Gegenteil, ich bereite mich auf eine lange, harte Prüfungszeit vor, und ich weiß im Vorhinein, daß das Erste, was ich lernen muß, die Kunst des Wartens ist.

Aber ich bin so sicher in meinem Glauben, daß ich für mich lächeln kann, wenn ich ihre Rede vom Tode höre. Ich kann sie sagen hören, daß sie sich fortsehnt, und ihre Liebkosungen fühlen, wenn sie mich bittet, ihr zu verzeihen. Dann genieße ich die Liebkosungen und vergesse ihre Worte. Wie eine große, unendliche Gewißheit fühle ich, daß der Sieg unwiderruflich mein ist und nicht dessen, der in der Erde schlummert. Ich nehme ihn in meinen Gedanken zum Bundesgenossen, sage ihr sogar, indem ich auf ihren eigenen Gedankengang eingehe, daß sie leben muß, weil Sven will, daß sie lebt, ja, weil er es mir zugeflüstert hat, während ich schlief.

Sie hört mich mit verwunderten, glänzenden Augen an, und lange Zeit später — so lange Zeit, daß ich mich nicht erinnern kann, was ich selbst gesagt habe — erzählt sie mir, daß Sven auf ihrem Bett gesessen sei, in seinem neuen weißen Kleid mit der blauen Schärpe, und gesagt habe:

„Mama, Du sollst nicht so viel um mich weinen. Es thut mir so weh im Kopf, wenn Du weinst.“

Ich höre diese Worte, und ich klammere mich an sie wie an ein Omen. Hoffnungsvoller denn je träume ich von einer Zukunft, in der unser totes Kind ein stärkeres Vereinigungsband sein wird, als wenn es gelebt hätte, und ich gedenke mit Thränen in den Augen der Worte, die sie selbst mich einmal gelehrt:

Zusammen altern.

4.

Es war nichts Geringeres als ein Kampf mit dem Tode, den ich begonnen, und die Zeit, die folgte, wurde ein beständiger Wechsel zwischen der düstersten Verzweiflung und der hellsten Hoffnung. Das Schwerste unter solchen Verhältnissen ist natürlich die völlige Unthätigkeit, die darin besteht, bloß ruhig auf das zu warten, was kommen soll und geduldig alles der Zeit zu überlassen, während man gleichzeitig glaubt, daß alles, was geschieht, nur das Herannahen der Nacht beschleunigt, die man verscheuchen zu können hofft. Wie ängstlich beobachtete ich nicht meine Frau in dieser Zeit! Wie folgte ich ihr nicht auf ihren Fahrten zum Grabe! Und wie freute ich mich, wenn ich sie ruhig und fröhlich die Knaben um sich versammeln, ihnen erzählen und vorlesen sah, so wie nur sie es konnte, und wenn ich wieder ihre munteren Stimmen hören durfte, die durch einander klangen, wenn das Gelesene Anlaß zu einem dieser lustigen Kommentare gab, die es zu einem Feste machen, Kindern vorzulesen. Und wie konnte ich nicht beim Mittagstisch oder bei der Abendlampe nach dem angestrengten, abwesenden Ausdruck in dem Antlitz meiner Frau spähen, der wie eine Wolke kommen und uns alle stumm machen konnte.