Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern, mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien.
Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren Gesellschaft bilden, was sich hier, wie anderswo, bei näherer Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt.
Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine Kleinstadt, wo — bestenfalls — die ersten zehn Jahre zur Bezahlung der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war.
Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer „Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr Urteil und nennen sie Bücherwürmer.
Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären. Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern, die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie leben und sich entwickeln.
Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist.
Drittes Kapitel
D
Der Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge; die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie schwanzwedelnde Hunde.