Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten verdrängen will.
Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen in großen Karren den überflüssigen Schnee fort.
Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große, lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat.
Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß alte, ehrwürdige Familien wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet, sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie wissen, Einigkeit macht stark.
Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter, gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien.
Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage, und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern verborgen lagen.
Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen. Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und Aktienbanken ins Leben. Und die neuen Lebensbedingungen brachten eine neue Lebensweise mit sich.
Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei Jahre leben, solange er eins lebt.
Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen, verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird.
Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz, das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesangbuch, das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen, oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen, davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht.