Frau Hallin freute sich über die Veränderung des Sohnes. Sie freute sich nicht bloß aus religiösen, sondern auch aus andern Gründen. Von Anfang an war sie es gewesen, die den Adjunkt auf die religiöse Gesinnung hingeführt hatte, zu der er sich nun bekannte. Er war ein schwacher Mann, der der Führung bedurfte. Und die kleine energische Frau hatte ihn geführt, wie sie später den Sohn geführt und seine Entwicklung geleitet hatte. Aber im Lauf der Jahre hatte der Adjunkt auch sie beeinflußt, und seine weltliche Klugheit hatte zum Teil Frau Hallins Frömmigkeit auch ihr Gepräge aufgedrückt. Sie war mit den Jahren weniger schwärmerisch religiös und mehr orthodox kirchlich geworden. Sie hatte den inneren Zusammenhang, der zwischen gut bürgerlicher Ordnung und kirchlicher Zucht besteht, erkennen gelernt. Darum hatte sie eine Zeitlang auch gefürchtet, Ernsts Gewissenhaftigkeit könne ihn möglicherweise auf Abwege führen und ihn widerspenstig machen gegen die Obrigkeit, die Gott in seiner heiligen Kirche eingesetzt hat, um sie gegen die Macht des Unglaubens zu schirmen. Und so freute sie sich jetzt, als sie bemerkte, wie er von Tag zu Tag ruhiger und weniger vergrübelt wurde. Sie dankte Gott, daß er ihr Kind bewahrt hatte; und sie merkte wohl, daß sie in dieser Sache in Pastor Simonson einen treuen Bundesgenossen hatte, und freute sich auch darüber.
Es war ein Nachmittag gegen Ende Mai. Der Adjunkt war schlechter Laune und verschwand frühzeitig ärgerlich auf seinem Zimmer.
Es war ganz unvermutet gekommen. Der Adjunkt war beim Essen schweigsam gewesen und hatte unfroh ausgesehen; die wenigen Worte, die er sagen mußte, hatte er in leidendem Ton von sich gegeben. Da versuchte es Gustaf, den die gedrückte Stimmung peinigte und der die andern gern zum Lachen brachte, damit er selber herzhaft lachen konnte, mit einer Schulanekdote, die unglücklicherweise ein bißchen naseweis mit dem König Salomo umsprang. Der Vater, der für gewöhnlich selbst großes Gefallen an Geschichten hatte, die auf die Bibel und die Geistlichkeit gingen, erstere hauptsächlich, wenn es sich um das Alte Testament handelte, erteilte Gustaf einen scharfen und umständlichen Rüffel über diese Art von den heiligen Männern der Schrift zu sprechen. Gustaf antwortete hierauf, er habe nie gehört, daß Salomo, der 1000 Weiber gehabt und eins der sinnlichste und anstößigsten Gedichte geschrieben habe, die man lesen könne, ein heiliger Mann gewesen sei. Aber da fing der Adjunkt an: er wisse ja schon lang, daß Gustaf seinen Kinderglauben verloren habe; und schloß damit, daß er den Mangel an Ehrfurcht vor dem Heiligen, und besonders den Mangel an Ehrfurcht vor den Eltern, beklagte, der in letzter Zeit ständig zutage komme.
Nach dem Essen ging der Gymnasiallehrer, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer hinauf, und Frau Hallin folgte ihm mit bekümmerter Miene, nachdem sie Gustaf eine Extraermahnung erteilt hatte, Papa doch ja nicht zu reizen, wenn er niedergeschlagen und verstimmt wäre. Der arme Papa! Er hatte so viele Sorgen, von denen die Kinder ja nichts wußten.
Jetzt waren die drei Geschwister allein und ein verlegenes Schweigen entstand. Es war einer der letzten Tage, ehe Ernst das Elternhaus verlassen sollte. Nächsten Sonntag war Ordination, und nach der Ordination sollte er gleich reisen. Alle wünschten, ihm das Elternhaus noch so freundlich und heiter als möglich zu machen, wie das vor einer Trennung stets ist. Darum war es doppelt ungemütlich, wenn eine derartige Szene die Eintracht störte. Denn in dieser Familie, in der jedes einzelne Mitglied sein Leben für sich lebte, ohne sich um die andern zu kümmern, bemühte man sich bei feierlichen Gelegenheiten um so mehr, recht zartfühlend und rücksichtsvoll zu sein. Eine gemeinsame Erbittertheit gegen den Vater gärte in allen drei Geschwistern. Alle fühlten sie, aber keines sagte was.
Gustaf war der erste, der das Schweigen brach. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „In einem Jahr bin ich endlich Student! Da kommt man endlich hier heraus!“ sagte er.
Ernst sah den Bruder vorwurfsvoll an.
„So darfst du nicht reden“, ermahnte er.
Selma sah vor sich nieder und wurde blutrot. Ihr war der Mangel an Sympathie zwischen Eltern und Geschwister gradezu eine Qual; und sie mochte nicht gern noch Öl ins Feuer gießen. Aber sie konnte nicht länger schweigen.