„Laß Gustaf sagen, was er will!“ sagte sie. „Er ist kein Kind mehr. Wenn er den Eltern gegenüber schweigen soll und uns gegenüber schweigen, gegen wen soll er sich da aussprechen?“
„In dem Verhältnis zu seinen Eltern bleibt man doch wohl immer Kind!“ sagte der junge Pastor.
Selma schüttelte den Kopf, wie über eine alte Schulleier, die sie müde war, anzuhören. Sie vergrub beide Hände in ihr dickes blondes Haar und schlug sie dann mit einer Miene der Verachtung zusammen.
„Ja, wenn man sich als Kind fühlte, wenn sie irgend etwas dazu täten, daß man sich so fühlen könnte. Aber sag einmal ehrlich: Bist du je daheim glücklich gewesen? Bist du’s jetzt? Hast du gar nicht gemerkt, wie wir aneinander vorbeilaufen, wie im Irrenhaus in ‚Peer Gynt‘:
Keiner weint um des andern Weh,
Keiner hat Sinn für des andern Idee?
Und kannst du dir wirklich, wenn du auch Geistlicher bist, vorreden, daß es der Fehler der Kinder ist, wenn sie alles Zutrauen zu den Eltern verloren haben? Läufst du nicht selber unter uns herum und schweigst und grämst dich? Keins von uns weiß, was du denkst; keinem fällt es ein, dich danach zu fragen. Ich bin auch allein mit meinen Gedanken und glaube, daß es draußen, außerhalb der unsern, eine Welt gibt, wo ich ein besserer, nützlicherer Mensch hätte werden können, als ich’s jetzt bin, daheim, wo ich bis zu meinem Tod leben soll! Und Gustaf! Freilich, er ist Freidenker, wie alle jungen Leute heutzutage, — ich übrigens auch —. Aber wenn man einmal ehrlich über die Sache reden wollte — was glaubst du, daß die Folge wäre? Das Leben hier im Haus würde nur noch unerträglicher werden, als es schon ist.“
Sie stand auf und ging mit festen, starken Schritten im Zimmer auf und ab.
Ernst sah unsicher vom einen zum andern.
„Ist das wahr?“ fragte er.