Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er seine Brust dehnen; dann senkte er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten sich, als spräche er mit sich selber.

Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man doch einen viel besseren.

Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem heiligen Abend zu seiner Frau: „Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?“ Und so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen brauchte.

Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft — bloß ein „paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum Auspacken hatte!“ Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama für Papa. Und ein paar Flaschen Wein mußten doch auch da sein, und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch.

Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden. Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von morgens bis abends in Tätigkeit.

Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben. Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war; er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz nach seiner Wohnung ging.

Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am Mittagstisch.

Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen Haufen blaueingebundener Hefte mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß.

„Wie geht’s heut, Papa?“

„Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!“ Gleich darauf erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf.