„Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.“ Im selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte.
„Na, da bist du ja!“ sagte der Adjunkt. „Geh rasch auf dein Zimmer und wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!“
Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern kommen könne.
Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah, wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete er es überhaupt noch.
Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater, Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch.
„Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,“ sagte Frau Hallin.
Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum Zeichen, daß man anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten Häuptern da; dann setzten sie sich.
Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber; zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas — die Gläser waren alle sehr klein — vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche. Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die das Mädchen eben herumbot.
Die Tür ging auf und Gustaf trat ein. Er legte beide Hände auf den Stuhlrücken, verbeugte sich mit einem hastigen Kopfnicken, zog den Stuhl zurück und setzte sich, zugleich mit einer raschen Bewegung die Serviette über die Knie legend. Die Mutter schüttelte den Kopf und bestrafte ihn für das zu kurze Tischgebet mit einem vorwurfsvollen Blick, der Gustaf herzlich amüsierte. „Ach so, heut gibt’s wieder Fleischklöße!“ bemerkte er. Der Adjunkt war nach und nach in etwas bessere Laune gekommen. Das Appetit-Gläschen und das warme Essen hatten ihn aufgetaut, und er war eben im Begriff, etwas Lustiges von der Schule zu erzählen, was er stets im Vorrat hatte, als Gustaf sich unglücklicherweise über die Fleischklöße ausließ. Augenblicklich kamen ihm wieder die fünfzig Kronen in den Sinn, diese verwünschten fünfzig Kronen, und durch eine nicht ganz klare Ideenverbindung kam ihm dann der Gedanke, wie unzufrieden doch Kinder mit allem wären, wie ihre armen Eltern arbeiteten und sich abrackerten, und die Kinder dann das Essen bekrittelten, das die Eltern mit Mühe und Schweiß für sie erarbeitet hatten. All das sagte er auch dem Sohn, in einem väterlich-ermahnenden Ton, der den ganzen Tisch zum Schweigen brachte, aber mit einer Logik, die ein Lächeln auf des Sohnes Gesicht hervorrief.
Als der Vater geendet hatte, bemerkte Gustaf, den die Schwester vermittels Zublinseln und Grimassen vergeblich zum Schweigen zu bringen suchte: „Ich versteh nicht, was du willst, Papa. Ich hab ja doch sechs Fleischklöße auf meinem Teller!“