Selma lachte hell auf. Sie mochte den Vater gewiß nicht gern reizen, wenn er über irgend etwas ärgerlich war, und das Gezänke bei Tisch war ihr gradezu verhaßt. Aber sie konnte nicht anders. Es war ihr unmöglich, ihren Ernst zu bewahren; und so lachte sie laut auf. Die Mutter versuchte vergeblich, mit ein paar beruhigenden Worten den Sturm abzulenken. Der Adjunkt war böse und es war ihm ein Bedürfnis, die andern durch seine üble Laune herabzustimmen, — ein Bedürfnis, das allen Menschen eigentümlich ist, die von täglichen kleinen Widerwärtigkeiten heimgesucht werden.

„Ich kann mir nicht helfen,“ brach er los, „aber es macht mir nun einmal zum mindesten einen traurigen Eindruck, wenn meine Kinder es so offenbar an Respekt mir gegenüber fehlen lassen! Daß Selma ihren Bruder noch unterstützt, wenn er sich schlecht aufführt, das hatte ich nicht erwartet; daß Gustaf gradezu unverantwortlich dreinhaut, das ist ja freilich nichts Neues.“ Gustaf sah schweigend vor sich nieder, um seinen Gesichtsausdruck zu verbergen, und murmelte etwas vor sich hin, was er nicht laut zu sagen wagte. Er wollte kein weiteres Gezänke. Im stillen grübelte er darüber nach, ob er nun Schelte gekriegt hatte, weil er die Fleischklöße bekrittelt oder weil er zu viel davon genommen hatte. Und er gelobte sich im stillen, wenn das nächste Gericht käme, würde er das mit einer so abgezirkelten Mäßigkeit genießen, daß es dem Adjunkten in der Seele weh tun müsse!

Inzwischen entkorkte der Adjunkt die Bierflasche und schenkte sich ein Glas voll ein. Den Rest ließ er für Selma und Gustaf übrig. Diese Sparsamkeit war etwas, was Gustaf tief verachtete; er leerte gewöhnlich sein Glas mit scherzhafter Anstrengung und stieß nachher ein langgezogenes „Ah“! aus, als wolle er andeuten, daß es seine schwachen Kräfte übersteige. Heute begnügte er sich damit, das Bierglas so hastig zu leeren, als wäre es nur ein Fingerhut voll. Eh er es niedersetzte, guckte er ernsthaft hinein, wie um nachzusehen, ob nicht noch etwas drin sei.

Frau Hallin, die den Frieden wiederherstellen wollte, hatte inzwischen begonnen, von Ernsts Heimkehr zu sprechen. Sie fragte den Adjunkten, ob er schon daran gedacht hätte, wo Ernst wohnen solle. Sollte er in des Vaters Stube schlafen? Oder sollte man nachts eine eiserne Bettstelle im Wohnzimmer aufschlagen? Aber der Adjunkt machte bloß eine abwehrende Handbewegung und sagte: „Frag doch mich nicht! Ich hab doch nichts zu sagen hier im Haus!“

Nach und nach taute er aber doch ein bißchen auf. Ein Wort gab das andere; man sprach davon, wie es werden würde, wenn Ernst heimkam; man war neugierig, ob er wohl ein gutes Zeugnis mitbringen würde, ob er recht mager wäre vom vielen Studieren usw. Selma mischte sich sehr lebhaft ins Gespräch und schwatzte mit. Frau Hallin wurde ernsthaft, als das Gespräch auf den Sohn kam.

„Wann glaubst du, daß die Ordination ist?“ fragte sie ihren Mann.

Jedoch der Adjunkt war noch immer schlechter Laune. „Das ist noch nicht bestimmt“, sagte er und machte eine abweisende Handbewegung.

Aber das Gespräch war doch nach und nach lebhaft und allgemein geworden. Die Frage, wo Ernst wohnen sollte, ward eifrig erörtert. Der Vater bestand darauf, er solle im Wohnzimmer schlafen. Die Mutter erklärte sehr bestimmt, er müsse in des Vaters Zimmer schlafen; und die Geschwister stimmten ihr bei. Er mußte sich doch auf die Probepredigt und so allerlei ähnliches vorbereiten. Da konnte er ungestört arbeiten, die ganzen Nachmittage lang, solange der Adjunkt in der Schule war. Während des Gesprächs war eine friedlichere Stimmung entstanden. Der Adjunkt gab in der Frage um das Zimmer nach und begnügte sich damit, noch einmal die Besorgnis auszusprechen, es möchte doch zu umständlich sein. Frau Hallin drang eifrig darauf, daß jeder auch seine Arbeit möglichst im voraus tun sollte, damit man, wenn Ernst heimkam, ein bißchen frei wäre. Sie würde backen und noch einmal Weihnachtsbier machen. Ernst tat ihr so leid. Er hatte natürlich in Upsala kein Weihnachtsbier bekommen! Selma erklärte, sie würde sich diese Woche tüchtig hinter ihre Hefte setzen, damit sie dann frei wäre. Gustaf schwieg und sah verärgert aus. Nur als vom Weihnachtsbier die Rede war, flog ein Ausdruck der Zufriedenheit über seine Züge. Wenn es Weihnachtsbier gab — das wußte er — so brauchte er wenigstens nicht von den Resten aus Vaters Bierflasche zu leben!

Jetzt nahm Frau Hallin selber die Teller ab, und als sie mit dem zweiten Gericht hereinkam, leuchteten Gustafs Augen ganz merkwürdig auf. Mit triumphierender Miene packte er seinen Löffel und sah dabei ganz kannibalisch aus. Denn es gab Apfelgrütze, warme, süße, frische Apfelgrütze mit kalter Milch; das war das Lieblingsgericht der ganzen Familie. Alle nahmen sie sich große Portionen, und als Gustaf an die Reihe kam —, nun er hätte sicher neue Vorwürfe vom Adjunkten geerntet, wenn er selber nicht sich mindestens ebensoviel auf den Teller geschöpft hätte! Und eine lange Weile hörte man nichts als schmatzende Zungen, kratzende Löffel und gurgelnde Milch.

Das Dankgebet nach Tisch ward sehr viel fröhlicher gebetet, und als Gustaf dem Vater nach Tisch dankte, klopfte ihm der Adjunkt versöhnlich auf die Achsel, ohne daß der Sohn auch nur ein Wort zu sagen brauchte. Dann trank man im Wohnzimmer Kaffee, und der Adjunkt erzählte dort seine Schulgeschichten, die er während des Mittagessens hatte verschlucken müssen.