Eine Weile später war der Adjunkt auf seine Stube gegangen. Ein Stündchen lag er auf dem Sofa und ruhte aus — die Zeitung auf dem Bauch. Dann saß er am Schreibtisch, und die Feder machte rote Bogen und Striche und wütete in falschen Lateinsätzen, während er selber seinen alten Cavallin im Verein mit Georges um Rat fragte. Und auf ihrem Stübchen saß Selma und tat dasselbe mit ihren französischen Aufgabeheften. Gustaf hatte sein Zimmer oben unterm Dach, eine Treppe hoch, dem des Vaters gegenüber. Es war ein kleines Zimmerchen, eigentlich nur ein Verschlag. Da saß er in seinem Schaukelstuhl und dampfte aus einer langen Pfeife, während er seine etwas geteilte Aufmerksamkeit der Repetition der griechischen Verben auf μι widmete.

Und in der Wohnstube drunten saß Frau Hallin und nähte bei der Lampe. Die Stunden verrannen; es schlug acht Uhr; und der Teetisch versammelte die zerstreuten Glieder der arbeitenden Familie wieder um sich.

Viertes Kapitel

A

Am folgenden Tag ging der Adjunkt zehn Minuten früher als sonst zur Schule. Er wollte gern seinen Freund Bruhn sprechen, eh die andern kamen. Von ihm konnte er ganz gewiß die fünfzig Kronen entlehnen. Bruhn war Professor und Junggesell, lebte sehr zurückgezogen und hatte stets Gelder auf der Bank, die er im Winter zusammensparte, um im Sommer reisen zu können.

Aber als der Adjunkt ins Lehrerzimmer kam, war es leer; kein Bruhn war zu sehen.

Es war kühl in dem großen Raum; das kalte Licht der Gasflammen brach sich gegen den flackernden Schein des Kachelofens. Der große Tisch mit den hochlehnigen Sesseln darum erstreckte sich durch die ganze Länge des Zimmers und gab ihm das Aussehen eines Gerichtssaals, während die Karten, die an den Wänden hingen, und die Schränke zwischen den Fenstern bezeugten, daß hier die Götter der Weisheit und Gelehrsamkeit das Szepter führten.

Der Adjunkt trat zum Ofen und wärmte sich die Hände. Dann lauschte er eifrig. Sie fingen doch nicht schon mit Orgelspielen an droben? Dann sangen sie ihren Choral, und die Morgenandacht war aus. Und dann kamen sie, einer nach dem andern, der Rektor, die Professoren, die jungen, unverheirateten Lehrer, die natürlich nicht zu begreifen vermochten, daß ein alter, verheirateter Mensch Sorgen haben konnte! Die Jungens würden nach Karten und physikalischem oder anatomischem Lehrmaterial aus- und einlaufen. Vor der Pause würde er Bruhn dann nicht mehr treffen. Und nachher kam so leicht etwas dazwischen.

Die Tür ging auf; zwei junge Lehrer traten ein. Der eine war ein kleiner, energischer Mann mit funkelnden, hellblauen Augen und einem scharfen Zug um den Mund. Er war stellvertretender Lehrer in Schwedisch und Latein. Der andere hieß Ephraim Simonson. Auch er war klein von Wuchs. Etwas Raubvogelhaftes lag in seinem Gesicht, seine Augen waren klein und beweglich und rasch und liefen eifrig hin und her, als beobachte er stets. Unten an dem spitzigen Kinn hing ein flachsfarbener Bart, und um das ganze Gesicht lief ein Rahmen dünnen Haars von derselben Farbe wie der Bart. Die Nase war schmal und gebogen und wölbte sich über ein paar dünnen Lippen, die, wenn er schwieg, sehr fest zusammengepreßt waren, sich aber, wenn er redete, rasch, mit eigentümlichem kurzem Schnalzen öffneten, während die Augen dann einen scharfen, stechenden Ausdruck erhielten. Er war Theologe und außerordentlicher Lehrer an der Schule; sein Fach war Religion.