Als der Adjunkt die beiden erblickte, bewölkte sich sein Gesicht und er machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern. Aber Simonson war ein Studienkamerad von Ernst, und den andern mochte er ganz gern wegen seines jugendlichen Wesens und seiner frischen Upsalageschichten. Er konnte nichts anderes machen, als freundlich grüßen. Die Herren schüttelten einander die Hand, und Simonson sagte etwas vom Wetter. Der Adjunkt bemerkte, es sei kalt im Lehrerzimmer, und so sei es gewesen in all den achtzehn Jahren, seit er hier wäre. Der Stellvertretende stand schweigend da und führte ein paarmal die Hand zum Munde, um das Gähnen zu verbergen.
Jetzt kam Bruhn. Er war ein großer, breitschultriger Mann, von einem Äußern, das unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Gesicht war ganz durchfurcht von Linien, er war kahl, aber der nackte Teil seines Kopfes sah aus, als wäre er nur eine Fortsetzung der Stirn, und mitten auf der Stirn war eine große, unförmliche Beule, die im Verein mit den tiefliegenden Augen und starken Augenbrauen dem ganzen Gesicht ein Gepräge kolossaler Gedankenkraft gaben, einer Kraft, die sicher und fest verschlossen war. Das ganze Äußere war höchst ungepflegt. Über einer abgetragenen Weste, die bedenklich ins Grüne spielte, hing ein zottiger, graugesprenkelter Bart, in dem sich sehr deutlich Schnupftabaksreste bemerkbar machten. Der Rock war an den Nähten sehr verschossen, ein paar Knöpfe waren, wie es schien, gewaltsam abgerissen, und unten an den Hosen hatten die großen, schiefgetretenen Stiefel einen ganzen Saum von Wollfäden ausgefranst, die um ihn her hingen und schleiften.
Nachdem er ins Zimmer getreten war, zog er mit einer eckigen Bewegung den Überzieher aus und hängte — oder schmiß — ihn auf den Kleiderständer, warf dann den Hut mit einem Klatsch auf einen Sessel und nickte den Anwesenden zu, ohne ihnen die Hand zu geben. Pastor Simonson machte eine Grimasse, sobald er den Professor erblickte. Der Ankömmling ging zum Ofen, spreizte die Beine und stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer. Die Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt; den einen Rockschoß hielt er unterm Arm. Als er eine Weile so dagestanden hatte, zog er eine silberne Schnupftabaksdose heraus und schnupfte geräuschvoll, daß der Tabak in langen Streifen über Bart und Weste rann. Worauf er wieder seine Lieblingsstellung einnahm.
„Hat jemand von den Herren gestern die Zeitung gelesen?“ bemerkte er schließlich. „Ich möchte wohl wissen, ob’s in Rußland irgendwas Neues gibt!“
Der Stellvertretende hatte die Zeitung gelesen und belehrte ihn, daß nichts darin stünde.
„So, also lebt er noch!“ sagte der Professor und wechselte die Füße vor dem Feuer. „Es interessiert mich, das Land!“ Eine Weile war es still im Zimmer. Niemand schien so früh am Morgen Sinn für Politik zu haben.
Plötzlich hörte man vom Oberstock her den singenden, eintönigen Laut der Orgel; er ward stärker und stärker, spann sich zum Akkord, zu kunstvollen Läufen aus und endete in einem Choral, in den die schrillen Stimmen der Kleinen bis zu den rauhen Mutationsstimmen der Großen energisch einstimmten.
Professor Bruhn machte eine sonderbare Bewegung mit Körper und Gesicht, die aussah wie eine einzige große Grimasse.
„Satansmusik!“ äußerte er.
Der Adjunkt Hallin warf dem Kollegen — der beiden jungen Lehrer wegen — einen warnenden Blick zu. Pastor Simonson mißbilligte durch seine ganze Haltung, seinen ganzen Gesichtsausdruck die unpassende Äußerung; der andere Lehrer schien es komisch zu finden; man sah es seinem Gesicht an, wie er sich über den wunderlichen Kauz am Kachelofen amüsierte.