„Es wird am besten sein, du gehst in deine Klasse!“ sagte er dann plötzlich. „Das Geld kriegst du in der Pause.“ Hallin blickte rasch in den Schulhof hinaus. Über die Staffel, die zwischen Eisengeländern zur Schule hinaufführte, schritt soeben ein ungewöhnlich kleiner Mann von intelligentem, gewecktem Aussehen. Seine kleinen, scharfen Augen sahen sich lebhaft um, sein Stock stieß energisch gegen die Staffel, und er setzte die Füße auf eine Weise, die ein cholerisches Temperament andeutete.
„Ich danke dir!“ sagte der Adjunkt. Und indem er seinen Virgil zur Hand nahm, ging er hastig in den Korridor hinaus. Es gelang ihm auch, in seine Klasse zu schlüpfen, noch ehe der Rektor in den Korridor trat. Professor Bruhn aber stellte sich wieder vor dem Ofen auf — mit gespreizten Beinen — den linken Rockschoß unter dem Arm und die Hände in den Hosentaschen.
Als Frau Hallin am Nachmittag allein war, legte sie eine Weile den Kopf auf den Tisch und weinte. Schwere, bittere Tränen, hervorgepreßt von der Sorge, die am schwersten und bittersten ist und am meisten schmerzt, weil sie Tag für Tag da ist, weil nichts sie verscheucht: die Sorge ums tägliche Brot. Sie verstand so wohl den Grund der Mißstimmung ihres Mannes, es tat ihr so weh, wenn die böse Laune über ihn kam und er mit den Kindern haderte. Denn sie wußte ja, die Kinder konnten ihn nicht verstehen, wie sie ihn verstand. Sie hatten ihn ja nicht gesehen, als er sich ihr anverlobte, mit ihr das Leben zu leben, das so reich und so herrlich vor ihnen lag! Sie hatten ihn nicht gesehen, wie er jung und schön, im Bräutigamsstaat, sie durch all die gaffenden Leute in der Kirche zum Altar führte! Sie hatten ihn nicht gesehen, wie er, jung, voller Hoffnung, wie ein lustiger Junge umhergesprungen war und ihr geholfen hatte, alles in ihrem neuen Heim einzurichten. Sie glaubten bloß, er sei ein krittliger, engherziger alter Mann, der ihre Freude störte und für nichts Sinn hatte als für das Niedrige und Kleinliche. Denn die Kinder beurteilen die Alten unrecht — vielleicht urteilen auch die Alten dafür wieder unrecht. Aber sie fühlte dies alles nicht klar; sondern ihre Tränen rannen, wie so oft zuvor, weil ihr das Leben so seltsam ungerecht vorkam im Vergleich zu dem, was sie früher gelernt hatte, daß es sein sollte. Und das Sonderbare war — man lernte auch später nichts Besseres! Wenn sie jetzt darüber nachdachte, so ganz im allgemeinen, so war es noch genau wie vor dreißig Jahren, als ihre frohen Mädchenträume um ein helles, freundliches Heim geflattert waren, in dem zwei Menschen für einander lebten, in dem es immer ruhig war und fröhlich, wie auch des Lebens Stürme draußen tobten. Aber weshalb war es nicht so? Weshalb nicht? Weshalb?
Ihre Tränen rannen, schwer und bitter; sie sah alt und müde aus. Es quälte sie so schrecklich, daß ihr Mann ihretwegen Sorgen haben sollte. Wie sie auch sparte — nie wollte es reichen. Sie dachte daran, wie die Kinder immer scherzten über diese übertriebene Sparsamkeit, wie sie es nannten. Begriffen sie denn nicht, daß man nur ihretwillen sparte? Um ihnen vorwärts zu helfen? Damit sie etwas lernen, etwas Rechtes werden sollten?
Sie trocknete hastig ihre Tränen, und während ihre Lippen noch von unterdrücktem Weinen zitterten, ging sie hinaus ins Vorzimmer und holte ihren alten Mantel herbei, breitete ihn auf den Tisch unter der Lampe aus und prüfte ihn.
Viele Jahre lang hatte er gedient, und oft war er so untersucht worden. Der Stoff war recht gut. So einen Stoff kriegte man nicht so leicht wieder. Zuerst war er ganz grade, ohne Garnierung, bis hinab zu den Füßen gegangen — weite Ärmel hatte er gehabt. Dann hatte man die weiten Ärmel in enge umgewandelt, und hatte den Stoff zum Ausbessern benützt. Man sah das Geflickte gar nicht, wenn man den Muff darüber hielt. Dann hatte sie Seidenaufschläge um die Ärmel und die Kanten gesetzt, und schließlich hatte sie aus dem langen Mantel einen kurzen gemacht, der dicht unter den Hüften schloß. Aber jetzt legte sie ihn hoffnungslos beiseite. Er war so abgenützt, daß das Licht durch die Stelle über der Brust schien; an den Ellenbogen war er schon fast zerrissen, und ein paar von den Knopflöchern konnte man unmöglich mehr ausbessern. Mit einem Seufzer hängte sie den Mantel wieder auf und setzte sich an ihre Arbeit. Ihre Tränen trocknete sie, fest entschlossen, daß niemand beim Abendessen sehen sollte, daß sie geweint hatte.
Aber als der Adjunkt aus der Schule heimkam und ihr die fünfzig Kronen gab, da kam das alte Gefühl wieder über sie. Sie weinte, während sie den Schein in der linken Hand hielt, als wolle ihr das Herz brechen, und bückte sich nieder und küßte ihres Mannes Hand, als müsse sie ihn um Verzeihung bitten.
Der Adjunkt zog seine Hand zurück und strich ihr über die Stirn. Es war ihm immer ein Schmerz, wenn er sie so sah. Und mit einer etwas erzwungenen Stimme sagte er: „Weine doch nicht. Es hilft ja doch nichts. Denk lieber daran, daß Ernst jetzt bald heimkommt!“
Sie blickte ihn voll Dankbarkeit an, weil er versuchte, etwas zu sagen, das ihr Freude machte. Aber wider Willen drängten sich ihr die Tränen hervor.
„Und wenn er dann eine feste Anstellung hat,“ fuhr der Adjunkt fort, „so wird das immerhin eine Erleichterung.“ Frau Hallin nickte. Und die tägliche Sorge ward für diesmal beiseite gelegt.