Dann wurde Ernst geboren; und ein paar Jahre später Selma. Dann kam ein Junge, der gleich nach der Geburt starb, und ein paar Jahre darauf Gustaf.

Mit jedem Jahr stiegen die Bedürfnisse und die Ausgaben, und in all den einundzwanzig Jahren seit seiner Verheiratung hatte er nicht mehr als zweitausend Kronen abbezahlen können. Jetzt war er sechsundfünfzig Jahre alt und noch immer nicht schuldenfrei. Noch waren fünfzehnhundert Kronen zu bezahlen. Und wenn sie bezahlt waren wieviel Zeit blieb ihnen beiden dann noch übrig zum ruhig und frei leben? Ob sie dann überhaupt noch die Kraft dazu hatten?

Aber daran dachten sie jetzt nur noch selten. Oder vielmehr — sie hatten es sich abgewöhnt, darüber nachzudenken. Denn das waren gefährliche, aufrührerische Gedanken, die nur Leid und Bitterkeit brachten, Gedanken, die sie aus der Ruhe des täglichen Lebens aufscheuchten und die Kraft zur Arbeit lähmten. Wenn der Adjunkt manchmal doch auf diese Gedanken geriet, so war seine Frau immer gleich bei der Hand und verjagte sie. Murren, das war nicht recht, und der liebe Gott hatte gewiß seine ganz besonderen Absichten mit ihnen, wenn er ihnen Lasten auferlegte und sie Wege führte, die sie in ihrer Jugend nicht hatten gehen wollen. Denn das Entbehren ist der Weg zum Himmel.

Und die Jahre gingen über sie weg und schufen sie um und lehrten sie, das Leben so zu leben, wie es kam und wie es war. Frau Hallin magerte nach ihren Wochenbetten immer mehr ab, ihre Stirn furchte sich, die Augen hatten nicht mehr den Glanz von früher. Sie ging fleißig in die Kirche, besonders wenn ein gewisser Geistlicher predigte, und las täglich in der Bibel und im Thomas a Kempis.

Es kam ihr vor, als würde alles, was sie zu tragen hatte, leichter für sie, wenn sie nur so recht klar einsähe, daß es eben so sein mußte. Und wenn das Haushaltungsgeld nicht reichen wollte, oder sie sich bedrückt und gequält fühlte von all dem tagaus, tagein In-der-Küche stehen, Essenkochen, Zimmeraufräumen und Nachmittage lang vor einem ganzen Berg Wäsche Sitzen, die ausgebessert werden mußte, da legte sie zwischendurch oft die Arbeit aus der Hand und holte sich ihre Bibel mit all den zahllosen Buchzeichen und angestrichenen Stellen. Und dann las sie ein paar Kapitel aus Davids Psalmen, las, wie der Herr den Gerechten, der auf ihn hoffet, nicht verläßt, wie des Gerechten Feinde dereinst zu Schanden werden müssen. Ganz unbewußt umschrieb und änderte sie diese Worte so, daß sie auf ihre Verhältnisse paßten, auf die täglichen Sorgen, die auf ihr lasteten. Ihre Kümmernisse und Mühsale, ihre schwere Arbeit und aufrührerischen Gedanken — all das ward ihr zu Feinden, und sie selber war der Gerechte, den der Herr dereinst erlösen würde und in das Land führen, da kein Leid und Weinen mehr den Frieden stört, der höher ist denn alle Vernunft.

Wenn sie das Buch zugeschlagen hatte, schloß sie auf eine Weile die Augen. Und wenn sie sie wieder öffnete, ging sie mit verdoppeltem Eifer an die Arbeit, und auf ihrem Gesicht lag ein stiller, fast glücklicher Ausdruck.

Der Adjunkt war besser dran. Zwar ging er nur selten aus. Es war dies ein Sparsamkeitsgrundsatz, den er sich zugelegt hatte und den er nur selten übertrat. Aber wenn er in seiner Schule war, vergaß er die kleinen häuslichen Kümmernisse meist. Er hatte ein heiteres Temperament; sobald er unter Menschen kam, ließ er sich mitreißen, ward lebendig und aufgeräumt. Er war draußen ein ganz anderer Mensch als der schwersinnige, ein bißchen reizbare Mann, der er daheim sein konnte.

Frau Hallin litt ganz besonders darunter, daß sie glaubte, ihren Kindern nicht nah genug zu stehen. Ernsts Briefe schienen ihr, besonders in der letzten Zeit, außergewöhnlich kühl und zurückhaltend. Er schrieb ja wohl freundlich; aber er erzählte nichts von dem, was sie wissen wollte, nichts von sich selber, wie ihm zumute war, nun er ins Leben hinaustreten, ein Diener des Herrn werden sollte. Wie oft las sie seine Briefe, wieder und wieder, erwog den Sinn jeder Zeile, buchstabierte und zerlegte jedes Wort, ob sie vielleicht darin den Schlüssel zum richtigen Verständnis finden möchte! Denn in erster Linie wollte sie Mutter sein. Dies Wort stand vor ihr in einer Bedeutung, die mehr war als eine bloß religiöse. Denn für sie bedeutete es vor allem: ihre Kinder zum Herrn führen! Und manche heimliche Träne weinte sie in Furcht und Zittern um ihrer Kinder Seelen! Eine reine Mutterfreude hatte sie eigentlich nie gekannt; die war bei ihr zu stark vermischt mit Furcht. Die Furcht kam daher, daß sie wußte, nur ein Weg war der rechte. Wer diesen Weg nicht ging, der war verloren. Und darum weinte sie über ihre Kinder, weinte und betete manch einsame Stunde, schon als sie sie noch in ihrem Schoß wiegte und ihrem tiefen, kinderruhigen Schlummer lauschte. In der letzten Zeit hatte sie am meisten Angst um Ernst ausgestanden. Sie zählte die Tage, bis er heimkommen mußte. Weshalb war er so kurz und knapp in seinen Mitteilungen über sich selbst? Ahnte er denn nicht, wie sie sich danach sehnte, etwas von ihm zu hören, wie sie mit fieberhaftem Eifer seine Briefe öffnete, als wäre sie ein junges Mädchen, das einen Brief vom Liebsten erhält? Ahnte er es denn nicht? Und ging es denn nicht um mehr als Leben und Sterben? Ging es nicht um das ewige Heil seiner Seele?

Von all dem wagte sie ihrem Sohn direkt nichts zu schreiben. Sie fürchtete, sie könnte ihn dadurch von sich stoßen. Aber sie war täglich von diesen Empfindungen gepeinigt; ganz besonders kamen sie dann über sie, wenn irgend sonst etwas auf ihr lastete. Manchmal hatte sie das Gefühl, als müßte all das Schwere und Drückende nur eine gerechte Strafe des Herrn sein, weil sie eine so schlechte Mutter war. Selma verstand sie am wenigsten von ihren Kindern. Sie war so kalt, bezeugte den Eltern so wenig Freundlichkeit, meinte Frau Hallin. Auch so still war sie, tat ihre Arbeit, machte nie auch nur das geringste Wesen aus sich, und wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, saß sie meist in ihrer Stube und las. Frau Hallin mochte die Bücher, die sie las, oft gar nicht. Das hatte manchmal sogar schon zu Auftritten zwischen Mutter und Tochter geführt. Aber sie endeten immer damit, daß Selma tat, was sie wollte. Und jetzt war es so, daß, wenn Frau Hallin auf dem Tisch der Tochter ein Buch liegen sah, sie es nur in die Hand nahm, das Titelblatt ansah, seufzte und es wieder weglegte. Manchmal hatte sie Tränen in den Augen, wenn sie hinausging.

Als Selma zwanzig Jahr alt war, war sie einmal zum Vater gegangen und hatte gesagt, sie wolle fort von daheim. Der Adjunkt war ganz bestürzt gewesen und hatte keine bestimmte Antwort gegeben. Er würde mit Mama sprechen, hatte er gesagt. Frau Hallin verstand, wie die Sache zusammenhing. Es war die Welt, die Selma lockte, die Welt mit all ihren Gefahren, Freiheiten und Verführungen.