Das Resultat war, daß Selma daheim bleiben sollte, bis sie mündig wäre. Und als sie mündig war, wurde nicht mehr von der Sache gesprochen. Der Adjunkt verschaffte ihr ohne weiteres eine Anstellung in der städtischen Mädchenschule.

Seit der Zeit aber war gleichsam ein stummer Kampf zwischen Selma und den Eltern.

Auf Gustaf glaubte Frau Hallin sich noch am meisten verlassen zu können. Er war noch so ganz Kind; freilich kann niemand wissen, wo und wie der Versucher seine Fallstricke für die schwachen Menschenkinder auslegt. Aber der Junge war immer heiter und zufrieden, nörgelte natürlich hie und da, war aber gleich wieder gut, und wenn er sich mit Mutter oder Schwester neckte, war das so lustig, daß Frau Hallin oft lachen mußte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Er war das Nesthäkchen, der Liebling, das Zuckerbengelchen, wie Papa ihn nannte, wenn er bei guter Laune war; er durfte auch ab und zu noch, wenn es niemand sah, auf Mutters Schoß sitzen, obgleich er schon ein großer Junge und ihr ein gut Stück über den Kopf gewachsen war.

Es war eigen mit den Kindern, besonders mit den Söhnen. Sie hatten alle ein großes Freundschaftsbedürfnis, und hatten gute Freunde gesucht und gefunden. Aber sie waren meist außerhalb des Hauses mit ihnen zusammen. Sie besuchten die Freunde in deren Familien; das Umgekehrte kam gar nicht vor, das Hallinsche Haus war nie ein Sammelpunkt für die Freunde der Kinder. Und die Eltern hatten immer zu klagen, daß sie in ihren freien Stunden so wenig von den Kindern sahen.

Frau Hallin konnte das gar nicht verstehen. Sie wußte, sie liebte ihre Kinder, mehr vielleicht als irgendeine andere Mutter in ihrem Bekanntenkreis. Sie hatte sie mit einer warmen Zärtlichkeits-Atmosphäre umgeben, einer Atmosphäre, die vielleicht nur zu warm war, sodaß sie allzu empfindsam waren, wenn sie sie einmal missen mußten. Und trotzdem hatte sie das instinktive Empfinden, daß ihre Kinder sich mit den Jahren immer mehr von ihr entfernten, daß sie ihre Befriedigung außerhalb des Vaterhauses suchten, sei es nun in lärmendem Kinderspiel oder in dem unbegrenzten Bedürfnis der Jugend, Menschen zu finden, mit denen sie sich frei aussprechen, all das rätselvolle, wechselnde Leben bereden konnten, das sich mit jedem Jahr in ihren jungen Gemütern entwickelte und nach Nahrung schrie. Es gab Tage, an denen sie die Kluft zwischen den Kindern und ihrem Vaterhaus stärker ahnte als sonst; dann tat sie alles, um ihnen Freude zu machen. Sie kochte ihnen ihre Lieblingsgerichte, sie zwang den Vater, guter Laune zu sein, bat sie, abends ihre Freunde einzuladen, und war selber eitel Sonnenschein und Lächeln.

Solche Tage waren Freudentage für die Kinder; da fühlten sie noch mehr als sonst, wie sie an der Mutter hingen. Und sie selber fühlte sich auch so froh. Denn sie glaubte, nach einem derartigen Versuch wäre der Anfang zu einer ernsthaften Annäherung gemacht und die Kinder würden sich mehr ans Vaterhaus anschließen.

Aber das war nicht der Fall. Und dann kam die Niedergeschlagenheit über sie und eine Bitterkeit, die ihr harte Worte auf die Lippen legte und sie antrieb, den Kindern Vorwürfe zu machen, deren Ursache sie nicht begreifen konnten. Sie bereute diese Vorwürfe nachher immer, bereute sie bitterlich. Denn sie begriff, daß ein einziger derartiger Ausbruch in einem jugendlichen Gemüt länger lebt, als die Erinnerung an wer weiß wie viele Wohltaten, wer weiß wie viel Freundlichkeit. Und wenn sie manchmal über ihr Verhältnis zu ihren Kindern nachdachte und sich die ganze Sache einmal so recht menschlich, ohne den lieben Gott darein zu mischen, vorstellte, da konnte sie manchmal das Gefühl haben, als ginge ihr vielleicht die geheimnisvolle Kunst ab, ihre Kinder zu verstehen und sie durch das bloße Verstehen, ohne jede Anstrengung, ans Vaterhaus zu fesseln. In solchen Stunden ahnte sie, was die Kinder entbehrten. Aber sie wußte auch, das konnte sie ihnen nie geben. Nie, ihrer Lebtag nicht! Denn was nützte es den Menschen, so er die ganze Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Über ihre Lippen kam dieser Gedanke auch nie, nicht einmal im Augenblick, wenn sie ganz deutlich sah, was es war. Sie schob ihn von sich; sie zwang sich, ihn in der Tiefe ihres Herzens zu begraben. Ihr Leben hatte sie gelehrt, daß der Gedanke Sünde war. Und wenn die Sehnsucht nach dem Vertrauen ihrer Kinder allzu stark ward, so fand sie tausend Arten, sich ihnen zu nähern; sie konnte sich geradezu demütigen, um das zu gewinnen, wonach sie so eifrig strebte. Nicht bloß ihre Liebe. Nein. Die besaß sie. Daran hatte sie nie gezweifelt. Aber ihr Vertrauen.

Und manchmal, wenn sie mit ihrem Mann allein war, geschah es, daß sie ganz vorsichtig über all dies mit ihm sprach; und wenn er dann nicht gerade irgendeine äußere Sorge hatte, die ihn drückte, so konnte auch er ganz ernst werden und mit einem merkwürdigen Blick vor sich hin sagen: „Ja, die Kinder entwachsen einem. Es ist wohl der Lauf der Natur.“