Meist aber schüttelte er nur den Kopf und sagte, es habe keinen Sinn, sich mit Einbildungen herumzuschlagen. Man habe schon so genug Widerwärtigkeiten.
Aber auch er wußte wohl, daß er nicht die Wahrheit sprach. Was den Kindern fehlte, das war die Freudigkeit, die Freiheit. Die Freiheit, die macht, daß man natürlich ist und sich wohlfühlt in seiner Umgebung, wie der Baum, die Pflanze in gutem Erdreich, die Freiheit, die die Naturanlagen lenkt und entwickelt, ohne sie zu hemmen; die Freiheit kann nirgends gedeihen, wo nicht die Freude daheim ist. Denn Freude macht frei, Freude veredelt, Freude macht glücklich.
Die pietistische Scheu der Mutter vor der Welt und allem, was von der Welt war, die war es, die die Freiheit aus dem Haus scheuchte. Und die Freude floh vor etwas anderem — vor den kleinen, drückenden, wirtschaftlichen Sorgen — sie verscheuchten die starken Mächte des blühenden Lebens. Die beiden hatten einen Bund geschlossen — und was die Geldsorgen verschonten, das raffte der Pietismus hinweg.
Vor diesem doppelten Rätsel saß Frau Hallin manch einen Abend ohne Antwort, grübelte und grübelte, während sich immer wieder die Tränen hervordrängten. Es war so schwer, so schwer, das pochende Herz im Glauben zur Ruh zu legen, so deutlich und klar auch das Wort der Schrift lautete: „Hoffe auf den Herrn! Er wird’s wohl machen!“
Sechstes Kapitel
A
Adjunkt Hallin hätte die fünfzig Kronen auch recht gut von seinem Bruder, dem Professor der lebenden Sprachen, entlehnen können. Der Professor war reich verheiratet und freute sich immer, wenn er dem ärmeren Bruder gefällig sein konnte. Zudem waren die Brüder seit ihrer Kindheit gut Freund gewesen, und nichts war darum natürlicher, als daß der eine dem andern half.
Die Freundschaft zwischen dem Professor und dem Adjunkt Hallin war im Gymnasium fast sprichwörtlich, und manch einer von den Schuljungens grüßte freundlicher als sonst oder blieb stehen und blickte den beiden nach, wenn sie in den Pausen Arm in Arm in dem großen Schulkorridor, auf dem geräumigen Hof oder unter den hohen Ulmen auf und ab gingen, die auf dem grünen Plan zwischen Schule und Kirche schattige Alleen bildeten.
In der Schule gingen sie unter dem Namen „die Brüder“. Und obgleich man schwerlich auffallendere Kontraste hätte finden können, hatten sie ihr Leben lang, von den Schuljahren an, stets treulich zusammengehalten. Beide hatten — nur mit einem Semester Zwischenraum — ihr Examen gemacht, und als der eine Adjunkt am Gymnasium zu Gammelby wurde, bewarb sich der andere ebenfalls um eine Anstellung dort, sobald eine solche frei war — und erhielt sie auch. Der einzige Unterschied war, daß der ältere Bruder binnen kurzem zum Professor avanzierte, während der jüngere keinerlei Hoffnung auf eine derartige Beförderung zu haben schien. Das gute Verhältnis zwischen den Brüdern ward jedoch dadurch keineswegs gestört. „Abel hat es auch verdient,“ sagte der Adjunkt immer. „Er war allen anderen Mitbewerbern überlegen.“ Wenn sie sich morgens in der Schule sahen, grüßte der Professor seinen Bruder mit einem heiteren: „Guten Morgen, Erker!“ Immer war es der Professor, der zuerst grüßte. Und der Adjunkt schielte über die angelaufenen Brillengläser weg und sagte: „Guten Morgen, Kain.“
Es war dies ein alter Scherz zwischen den Brüdern, der immer wieder aufgefrischt wurde. Der Professor hatte als Kind seinen Bruder einmal die Treppe hinuntergestoßen, daß der Kleine fast das Genick gebrochen hatte. Wie der Kleine drunten lag und schrie, daß es im ganzen Hause widerhallte, und Abel außer sich vor Schreck hinuntersprang, um nach ihm zu sehen, hörte Erik einen Augenblick mit Schreien auf und stieß zwischen zwei Schluchzern heraus: „Du hättest Kain heißen sollen!“ Und brüllte dann wieder weiter.