Als die Knaben älter wurden, erzählten die Eltern ihnen die Geschichte. Und seitdem nannte der jüngere Bruder, wenn er zärtlich sein wollte, den älteren Kain. Das war zu einem Schmeichelnamen geworden.

Die Gymnasiasten kannten die Geschichte natürlich, und die zwei Brüder hießen seit Jahren bei ihren Schülern nicht anders als Kain und Abel.

Professor Hallin hatte ein flottes Junggesellenleben geführt, manche behaupteten, ein zu flottes, und wenn er von seinen Ferienreisen im Ausland zurückkam, die er „der Sprachen wegen“ machte und zu denen er sich irgendwie immer die Mittel zu verschaffen wußte, brachte er einen Hauch vom Luxus und von der Eleganz der großen Welt mit, die ihn zum Löwen der kleinen Stadt machten. Wenn er gewollt hätte, er hätte wer weiß wie oft heiraten können.

Er gehörte zu denen, die „Glück haben“. Alles, was er wollte, erreichte er auch ganz merkwürdig rasch. Er nahm das Leben leicht; Sorgen — wenn er überhaupt solche hatte — schüttelte er ab wie eine Möve, die ins Wasser taucht und ihre Schwingen schüttelt, so daß auch nicht ein Tropfen an dem glänzenden Gefieder hängen bleibt. Er machte Schulden über Schulden, ohne auch nur daran zu denken, die immer höher anwachsenden Summen einmal zurückzubezahlen, und als er volle vierzig Jahre alt war und die Gläubiger zu drängen begannen, verlobte er sich ganz plötzlich mit einem der reichsten Mädchen in der Stadt, einer Großkaufmannstochter. Der Schwiegervater bezahlte die Schulden, und die Neuvermählten zogen nach der Hochzeit in ein neues Steinhaus an der Langen Straße, das der Konsul Bergmann dem jungen Paar überließ.

Nach der Hochzeit änderte sich das Verhältnis zwischen den zwei Brüdern in gewissem Sinn. Nicht als ob ihre Freundschaft Einbuße erlitten hätte. Aber die beiden Schwägerinnen kamen von Anfang an nicht miteinander aus, und, wie das meist so ist, — die Antipathie zwischen ihnen nahm mit den Jahren eher zu als ab. Darum entlehnte auch der Adjunkt nicht gern Geld von seinem Bruder, sondern benützte ihn, wenn es nötig war, lieber als Bürgen. Das brauchte dann die Schwägerin nicht zu wissen.

Die Frau des Adjunkten hatte im Grunde niemals die „Schwäche ihres Mannes für seinen Bruder“, wie sie es nannte, verstehen können. Sie sah in ihm eine verlorene Seele, ein Weltkind, und im Anfang ihrer Ehe, als der Adjunkt noch jung war, hatte sie große Angst, der Professor könne einen bösen Einfluß auf ihren Erik haben. Denn er war der einzige, dem es ab und zu gelang, den Adjunkt zu einem fröhlichen Junggesellenabend zu verlocken. Er kam manchmal nachmittags zum Bruder auf seine Stube, und sie hörte ihn dort lachen, mit seinem lustigen, schallenden Gelächter, sie hörte, wie die zwei Brüder miteinander kicherten und flüsterten; und dann kam der Adjunkt und sagte, er würde ausgehen und würde wahrscheinlich zum Abendbrot nicht nach Hause kommen. Frau Hallin sah den Professor so ziemlich für den leibhaftigen Bösen an! —

Als er dann eine so reiche Heirat machte — er heiratete zwei Jahre später als der Adjunkt — da konnte sie es nicht lassen, immerwährend Vergleiche zu ziehen zwischen dem reichen, wohlversorgten Haushalt des Schwagers und ihren eigenen, dürftigen und bedrückten Verhältnissen; und sie verwunderte sich manchmal darüber, daß Gott seine Gaben so ungleich unter die Menschen verteilt. Ihr war, als könne ihr Mann gar nicht anders, als auch vergleichen und bereuen, daß er es nicht gerade so gemacht hatte, wie der Bruder. Vor allem aber beklagte sie den Schwager. Hätte der eine weniger weltliche und oberflächliche Frau bekommen, so wäre auch er vielleicht durch den stillen Einfluß des Weibes zum Herrn gezogen worden.

Es wäre vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß Frau Hallin ihre Schwägerin um ihren Reichtum geradezu beneidete. Aber ganz frei von einem derartigen Gefühl war sie doch nicht. Sie bildete sich immer ein, die Schwägerin sehe auf sie alle herab, ganz besonders auf sie, und es quälte sie, wenn sie wußte, daß ihr Mann sich in irgend einer Sache an seinen Bruder gewandt hatte. Die Professorin ihrerseits meinte wieder, die Schwägerin wolle sich ihr überlegen zeigen. Sie redete immerzu von den Kindern, und von der Freude, die sie ihr machten, und die Professorin hatte ganz den Eindruck, als solle das ein Hieb sein auf sie. Denn die Kindererziehungsmethode der Professorin war tatsächlich nicht gerade die beste. Dafür hegte sie auch einen stillen, aber tiefen Haß gegen die Frau des Adjunkten. Einerseits wußte sie, daß ihr jene in vielem überlegen war, und andererseits fühlte sie, sobald die beiden Schwägerinnen einmal nachmittags allein beieinander saßen, die unausgesprochene und darum um so aufreizendere Kritik der anderen.

Und wenn sich das manchmal zu einem ziemlich lauten Meinungsaustausch zwischen den zwei Frauen steigerte, so drehte sich das Gespräch sicher um Kindererziehung oder Religion.

Professor Hallin versuchte stets, diesen Verhältnissen gegenüber ein Auge zuzudrücken. Er lud die Familie des Bruders bei jeder nur möglichen Gelegenheit ein, und obgleich es für Frau Hallin ein Kummer war, so vertraut in einem Haus verkehren zu müssen, in dem alles so ganz das Gepräge der Weltlichkeit trug, wollte sie ihren Mann doch nicht durch Absagen betrüben. Sie versuchte bloß, wenigstens die Kinder so viel wie möglich von der Familie des Bruders fernzuhalten, vielleicht, weil sie ahnte, daß dort manches von dem vorhanden war, was sie daheim vermißten.