Professor Hallin hatte schon in jungen Jahren recht viel Anlage zur Rundlichkeit gehabt; und während sein Bäuchlein immer mehr wurde, begann das Haar über der Stirn immer weniger zu werden. Mit den Jahren ward das Bäuchlein immer runder und das Haar immer spärlicher, und schließlich war er ein korpulenter, kahlköpfiger Mann, der sich an der Natur dadurch rächte, daß er beständig über seine eigene Trägheit und Korpulenz scherzte. Denn mit den Jahren machte seine Korpulenz ihn tatsächlich immer träger. Besonders viel Energie hatte er überhaupt nie besessen. Aber einen guten Vorrat von Lebensluft hatte er gehabt, und als er ein paar Jahre verheiratet war, nahm er seine frühere Gewohnheit des Reisens wieder auf, erst in Gesellschaft seiner Frau, dann allein. Er behauptete, es geschehe, um das Stillsitzen im Winter auszugleichen und dann natürlich „der Sprachen wegen“.

Wenn er im Herbst heimkam, war er meist ziemlich abgemagert. Er sah jünger aus, und in seinem ganzen Wesen lag etwas von dem früheren Schwerenöter. Aber wenn’s auf den Winter zuging, ward er wieder der Alte. Fast immer gutgelaunt wanderte er zur Schule und wieder zurück, gab seine Stunden, lebte sein Familienleben und ließ sich seine Mahlzeiten schmecken. Und wenn sich die Gelegenheit bot, konnte er ein Bonmot loslassen, über das alle Welt lachte, das die Frau des Adjunkts aber nie anhören konnte, ohne das heitere, rötliche Gesicht des Schwagers und seine fette, unförmliche Figur, die aussahen, als wären sie immer vollgepfropft mit gutem Essen, verstohlen und mit einem Gefühl der Verachtung zu betrachten.

„Wenn man schon nicht liegen kann — dann wenigstens sitzen!“ hatte der Professor einmal gesagt, als irgend jemand ihm einen Stuhl anbot. Und das Wort war in der ganzen Stadt sprichwörtlich geworden.

„Wenn man nicht liegen kann — dann wenigstens sitzen!“

Nichts war dem Professor Hallin in seiner Eigenschaft als Schulmann auch so peinlich, als das Frühaufstehen am Morgen. Und nie war er so schlechter Laune, als wenn er früh morgens, den Schlafrock um die rundliche Gestalt gezogen, eine Kerze in der Hand, sich aus dem Schlafzimmer in seine Stube verfügte, um sich anzukleiden und zur Schule zu gehen. Ganz besonders schlimm war es an den Tagen, an denen er um sieben Uhr zur Schule mußte und bis neun Uhr Stunde hatte. An solchen Tagen nahm er gleich nach dem Mittagessen seine Kaffeetasse mit sich auf sein Zimmer, und zwei Minuten nachdem er die Tür geschlossen hatte, hörte man aus dem sogenannten Studierzimmer derbe Nasenlaute, die den Bewohnern des Hauses unzweifelhaft mitteilten, daß der Professor der wohlverdienten Ruhe genoß. „Papa schläft!“ sagte dann Mama zu den kleinen, unbändigen Mädchen. Und die unbändigen kleinen Mädchen gingen auf den Zehen durchs Zimmer, und so oft ein Streit entstehen wollte, so oft jemand an einen Stuhl stieß oder unvorsichtig aufschrie, war sogleich eins der Kleinen bei der Hand, hob drohend den Finger auf und sagte flüsternd und feierlich: „Papa schläft! Schsch! Papa schläft!“

Und Mama, die im Sofa saß und nähte, sagte: „So ist’s recht! Denkt daran, daß Papa schläft! Der arme Papa! Er hat es so nötig! Arbeitet und plagt sich für uns alle!“

Und Fräulein Gabrielle, die verlobt war, flüsterte dem Bräutigam ins Ohr: „Axel, jetzt schläft Papa!“ Und ihre Augen, die wie kleine scharfe Nadeln glänzten, liebkosten mit einem Blick den weichen Leutnantsschnurrbart, der sich über vollen Lippen wölbte. Er schlang dann resigniert den Arm um ihre Taille, und sie schlichen heimlich in ihr kleines Mädchenstübchen. Der Leutnant setzte sich in das schmale Sofa, sie hüpfte auf sein Knie, und — die Arme um seinen Hals geschlungen — die Lippen auf seinen Mund gepreßt, flüsterte sie: „Papa schläft!“

Es ist nicht so unmöglich, daß der Leutnant Papa manchmal beneidete. Seine geliebte Gabrielle oder Gabby, wie er sie in zärtlichen Augenblicken nannte — so hatte sich nämlich Gabrielle in den unschuldigen Kindheitstagen selber genannt — hatte eine große Schwäche für Zärtlichkeiten. Ihrem Axel anderthalb Stunden lang auf dem Schoß zu sitzen, das hielt sie für etwas ganz Normales und Natürliches. Der Professor pflegte manchmal — zum Entsetzen seiner Frau — zu sagen, diese Art Vergnügen könne dem Leutnant unmöglich besonders angenehm sein. Für Gabrielle sei es ja etwas anderes. Für sie habe es doch mehr den Reiz der Neuheit.

Im übrigen genossen die Kinder des Professors Hallin in gewisser Beziehung recht reichlich die Vorteile, die die Kinder des Adjunkten entbehrten. Ihre Freiheit hatten sie, vielleicht mehr, als ihnen gut war, und ihre kindliche Freude wurde nur selten durch ungebührliche Eingriffe seitens der Eltern gestört.