Es kam ganz darauf an, wie der Tag gerade war.

Wenn zum Beispiel der kleine achtjährige Erik draußen auf dem Hof in jugendlichem Übermut eines von Mamas Kücken in einer Weise mißhandelt hatte, wie es die Natur des Tierchens eben nicht aushielt, und Papa Miene machte, dem Sohn eine gelinde Züchtigung zu verabfolgen, so konnte es geschehen, daß die Professorin sehr energisch dazwischentrat und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, sagte: „Abel! Und du willst ein Vater sein? Antworte mir, Abel! Du.. willst.. ein.. Vater.. sein?“

„Ja, Schatz,“ antwortete dann der Professor in liebenswürdigstem Ton. „Ich hoffe doch, mich darin nicht zu irren!“

„Abel!“ erwiderte die Professorin mit Aplomb, „ich verbitte mir derartige unanständige Illusionen!“ Die Professorin war keineswegs ganz zuverlässig in der Anwendung von Fremdwörtern.

„Wenn ich wäre wie du,“ fuhr sie fort, „so wäre ich vielleicht meiner Sache nicht so ganz sicher. Weißt du noch, warum Marie im Frühjahr vor einem Jahr weg mußte?“ Dies kam im Flüsterton, damit der kleine Erik es nicht hören sollte. „Freilich, du weißt es nicht mehr. Aber ich weiß es noch. Und ich erlaube nicht, daß meine Kinder von ihrem unnatürlichen Vater mißhandelt werden! Ich bin die Mutter! Merk dir das: Und so lange ich lebe, sollen meine Kinder unter dem Schutz einer Mutter stehen! Wenn ich einmal tot bin, kannst du sie ja schlagen; ich weiß wohl, du wirst’s auch tun! Aber noch lebe ich!“ und die Professorin warf den Kopf in den Nacken mit einer Bewegung, die schlecht zu ihrem vorhergehenden Pathos stimmte.

Dann antwortete der Professor: „Ja, lieber Schatz, daran habe ich nie gezweifelt!“

Aber er war doch geschlagen, und Erik konnte Mamas Kücken in Ruhe weiter ins Jenseits befördern.

Ein andermal konnte es geschehen, daß es Erikchen gelungen war, ein Loch in die neuen Hosen zu reißen. Die Professorin hatte sich just in der Sofaecke zurechtgesetzt und hoffte, wenigstens fünf Minuten lang in Ruhe an ihrer weißen Decke weiterhäkeln zu können. Im selben Augenblick kommt Klein Erik ins Zimmer, und das wachsame Mutterauge entdeckt unten, wo der Kittel aufhört, einen Streifen nackter Haut, der neben etwas Weißem herausschimmert. Mit resignierter Miene legt sie ihre Arbeit hin und befiehlt dem Kleinen, näherzukommen. Der Junge, der nichts ahnt, kommt; weil aber im Gesicht der Mutter etwas Drohendes liegt, wird er bedenklich und beguckt sich verstohlen von oben bis unten. Immerhin geht er zur Mutter hin und pflanzt sich vor ihr auf.

„Dreh dich um!“ sagt die beleidigte Mutter mit ihrer feierlichsten Stimme.

Klein Erik beginnt zu ahnen, von welcher Seite die Gefahr droht; doch dreht er sich gehorsam um. Dann hört er, wie die Mutter hinter seinem Rücken die Hände zusammenschlägt; und unwillkürlich blickt er sich erschrocken um.