Frau Hallin erhob sich und ging auf einen Augenblick hinaus. Als sie zurückkam, hatte sie Bibel und Andachtsbuch bei sich, die sie beide vor Ernst hinlegte, während sie mit einem forschenden Blick sagte: „Vielleicht liest du heute das Abendgebet, da Papa fort ist!“

Ernst fuhr zusammen. Er sah so erschrocken aus, als mute ihm die Mutter das halsbrecherischste Wagestück zu; und er blickte sich nach allen Seiten um, als erwarte er Hilfe und Unterstützung von den andern.

„Meinst du?“ fragte er halblaut. „Grad heute abend?“

„Ich meine, wir sollten auch heut abend nicht auseinandergehen, ohne Gottes Wort miteinander gelesen zu haben!“ antwortete Frau Hallin ebenfalls in einem Ton, der nicht für die andern berechnet war.

„Wir sind ja aber nicht allein!“ fuhr Ernst widerwillig fort.

„Pastor Simonson hat unserer Andacht schon öfter beigewohnt“, erwiderte Frau Hallin, indem sie sich dem jungen Pastor zuwandte.

Ernst Hallin erhob sich. Sein Antlitz war düster; er schob die Bücher von sich.

„Ich kann nicht!“ sagte er mit leiser Stimme, die aber durchs ganze Zimmer zu hören war. „Quäl’ mich nicht!“

Eine Weile hatten ihm seine Gedanken Ruhe gelassen. Jetzt brachte die Mutter sie ihm wieder so recht handgreiflich in Erinnerung. Er, der so gar nicht wußte, was er eigentlich glaubte oder dachte, er, der selber ein Suchender war, ein Tastender, ein Ringender, er sollte seinen Beruf ausüben und andern, die Suchende waren, gleich ihm, predigen?

Er entfernte sich vom Tisch, auf dem die Lampe stand, und setzte sich in den dunkelsten Winkel des Zimmers.