Pastor Simonson trat vor und nahm die Bücher an sich.

„Gestatten Sie, daß ich ein Kapitel aus der Bibel lese, Frau Hallin?“ sagte er. Es lag eine fast unmerkliche Betonung auf dem „ich“.

Frau Hallin warf ihm einen dankbaren Blick zu; aber es tat ihr weh, daß sie die Stimme eines Fremden statt der ihres Sohnes hören mußte; und Tränen flossen in ihr Taschentuch, während sie das Haupt beugte.

Warum hab’ ich es nur nicht tun können? fragte Ernst Hallin sich. Warum hab’ ich es nicht tun können? Es kam ihm selber ganz unbegreiflich vor. Er saß ganz stumm da und rang in Gedanken mit sich selbst, um der Sache auf den Grund zu kommen. Warum nur nicht! Es war doch sonderbar!

Er ward aus seinen Gedanken gerissen durch Pastor Simonsons Stimme, die leise und scharf die Einleitungsworte sprach: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

Er las darauf ein Kapitel aus der Bergpredigt; die milden Worte hatten einen seltsam fremden Klang. Leblos und kalt fielen sie von seinen Lippen, als hätten sie nie eine Seele gehabt, als wären sie nie von Lippen gefallen, die von Liebe zur Menschheit, von Trauer über ihren Fall zitterten. Korrekt und starr kamen sie heraus, als trockene, dogmatische Sentenzen, die man bei der Hand haben muß, wenn es drauf ankommt.

Ernst empfand ein unsägliches Unbehagen, eine rein körperliche Qual, die für ihn ebenso unleidlich wie neu war. Als Simonson zu Ende gelesen hatte, dankte die Mutter ihm. Ernst saß in der Sofaecke. Niemand konnte sein Gesicht sehen.

Dann sagten alle Gutenacht. Pastor Simonson zog seinen Überzieher an und Gustaf begleitete ihn, um ihn zur Haustür hinauszulassen. Selma ging auf ihr Zimmer.

Ernst trat zur Mutter, um ihr Gutenacht zu sagen. Sie sah ihn einen Augenblick lang ernsthaft an, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte sie: „Ernst, mit dir geht etwas vor. Aber ich weiß nicht, was.“