Mit der brennenden Zigarre im Mund, und den dampfenden Grog vor sich, saß Professor Bruhn ganz allein, schaukelte sich in seinem Stuhl hin und her, und durch die gewaltigen Tabakswolken, die er von sich blies, schimmerte die mächtige Denkerstirn über einem Paar freundlich blickender, tiefliegender Augen. Dann geriet man aufs Gebiet der Anekdoten. Magister Björkén machte den Anfang. Schüchtern und unsicher, fast als fürchte er sich vor seiner eigenen Stimme, begann er eine Geschichte aus seiner Studienzeit zu erzählen. Dabei leuchteten seine Augen so hell und fröhlich über dem dichten Bart, als lebe er die glücklichen Tage der Jugend noch einmal durch, und als er fertig war und alle lachten, sah er vor sich nieder und nickte mit einem kleinen Lächeln: „Ja, das waren frohe Tage, damals! Was war man da für ein Kerl! Und was ist man später geworden!“

Jetzt fingen alle an, Studentengeschichten zu erzählen. Eine um die andere kamen sie; alte, wohlbekannte Anekdoten, die die meisten kannten und in denen oft der oder jener der Anwesenden eine Rolle gespielt hatte, zogen herauf mit ihrer Erinnerung an eine entschwundene Zeit, mit ihren heiteren Jugendstreichen, mit dem ganzen unwiderstehlichen Jugendrausch, ihren wundervollen, starken Eindrücken! Sie zogen vorüber, eine um die andere, keiner wog seine Worte, keiner machte sich Gedanken über das, was er sagte. Ein ganzes Jahrzehnt Upsala lebte wieder auf. Jeder hatte diese oder jene hervorragende Persönlichkeit gekannt, die jetzt eine Stellung im Lande einnahm, und jeder wußte Geschichten von ihr zu berichten, Geschichten, zu denen sich keiner von ihnen in nüchternem Zustand hätte bekennen mögen. Es war ganz merkwürdig, wie aufgeknöpft die alten Schulfüchse sein konnten. Wenn der eine aufhörte, fing der andere an. Ja, das waren freilich andere Zeiten gewesen! Herrgott, wie man sich verändert hatte, und wie die Jahre vergangen waren, fast ohne daß man es gemerkt hatte! Aber im Herzen waren sie doch noch alle Studenten, alte, fröhliche, ehrliche Bursche, solang sie lebten!

Und was die alten Namen alle für frohe Erinnerungen und Gelächter weckten: die St.-Eriksgasse, das Gustavianum, der Karolinenhügel und der Schloßberg, die Königsau und Fjärdingen, Åkersten und Novum, Hof und Dragarbrunn. Es waren oft recht ärmliche kleine Anekdoten. Aber sie wurden trotzdem mit größter Genauigkeit und Ausführlichkeit erzählt. Alle kannten ja die Orte, wußten von den Personen, und alle hörten all die alten Dinge immer wieder gern. Am meisten erzählte Professor Hallin. Er erzählte zu famos und hatte ein Gedächtnis, ganz was Merkwürdiges von Gedächtnis! Hatte er eine Anekdote erzählt, so kam ein anderer mit einer neuen. Aber jede zweite Anekdote erzählte doch Professor Hallin.

Dazwischen stieß irgendeiner sein Glas auf den Tisch und rief: „Prost! Es lebe der Festhammel!“

„Wir dürfen doch ‚den Anlaß‘ nicht vergessen! Prost, Kumlander! Sollst wachsen und blühen und gedeihen!“

Und dann lachten alle, daß es in der Stube widerhallte!

Adjunkt Hallin fühlte sich ganz unbändig wohl. Er hatte den Meinungsaustausch mit seiner Frau und Pastor Simonson und die Abendandacht, die ihn bei solchen Gelegenheiten daheim erwartete, ganz und gar vergessen. Er gehörte zu denen, die in einer großen Gesellschaft ungemein lebendig werden, die aber selber nicht viel reden, sondern meist still dasitzen und sich an der allgemeinen Heiterkeit freuen, mit ihren Nachbarn sich ganz lebhaft unterhalten, aber nie über den Tisch weg schreien. Er lachte über die Anekdoten, stieß mit Kumlander an, redete mit Bruhn über seinen Sohn und trank viele Groge. Und fühlte sich dabei unendlich wohl und war unbändig vergnügt. Als Professor Hallin — mit Rücksicht auf die allseitig nicht besonders glänzenden Kassenverhältnisse — vorsichtig anfragte, ob man sich zum Abendbrot einen Sherry gestatten oder lieber sich mit Bier und dem „Appetitschnäpschen“ begnügen wolle, war der Adjunkt der erste, der die Lippen spitzte und, dem Bruder lustig zublinzelnd, antwortete: natürlich müßte Sherry her. Heut sei doch ein Festtag. Worauf er laut auflachte, mit Kumlander anstieß und darauf in einem Zuge sein Glas Grog leerte.

Er war ein ganz anderer Mensch hier. Nicht mehr der unnatürlich barsche Lehrer, der sein cado und caedo durch die Klasse schrie, nicht mehr der um seine Würde ängstlich besorgte Vater, der aus Eitelkeit die Heiterkeit im Familienkreis eindämmte, nicht mehr der bedrückte Familienversorger, der sich mit ängstlichen Gedanken an unbezahlte Rechnungen und drängende Gläubiger herumschlug. In diesem Augenblick war Adjunkt Hallin frei von allem, was ihn in langen, langen Jahren zu dem lebensmüden, überanstrengten Menschen gemacht hatte, der er für gewöhnlich war, so frei, als existierte das alles gar nicht. Er war in diesem Augenblick weiter nichts als einfach ein Mensch, ein Mensch, der den Staub des Alltags von sich abgeschüttelt hat. Und in solchen Stunden sind wir Menschen ja so liebenswürdig, vertrauend, offenherzig und gemütlich.

Während des Abendessens zog Professor Eneman den Adjunkten in eine Ecke und teilte ihm mit, wie wohl er sich in Gammelby fühle.

„Wirklich, eine so prächtige alte Stadt! Und heut hab’ ich das Gefühl, als wär’ ich überhaupt hier geboren. Mit knapper Not hab’ ich mich heut abend frei machen können. In zwei Häusern war ich zu Mittag eingeladen, und auch zu heut abend war ich schon versagt.“