Frau Hallin seufzte und ging schweigend an ihres Sohnes Arm nach Hause.
Dreizehntes Kapitel
E
Ernst Hallin fühlte sich an diesem Abend, als er heimkam, viel zu müde zum Denken. Das Gespräch mit Eva Baumann klang in seinen Ohren nach, ohne jedoch sein Gehirn zu lebhafterer Tätigkeit zu erwecken, und er schlief bald ein und schlief tief und schwer.
Als der Adjunkt eben zur Tür hinausging, um nach der Schule zu eilen, erwachte Ernst. Eine Weile lag er ganz still und schloß die Augen; er wollte wieder einschlafen. Auf der Treppe hörte man knarrende Schritte. Dann fiel wieder Schweigen über das dunkle Zimmer.
Aber er konnte nicht wieder einschlafen. Ein unbestimmtes Unruhegefühl quälte ihn; ohne daß er wußte warum, schien es ihm, als wäre er zu einem schweren, qualvollen Tag erwacht. Heute, dachte er im Halbschlummer, wartet etwas Schlimmes auf mich. Wenn ich aufwache, wird es kommen. Sobald ich ganz wach bin, werd’ ich auch wissen, was es ist. Sie werden mich packen und quälen und an mir zerren und mich nicht aus ihren Klauen lassen. Ich muß sehen, daß ich so schnell wie möglich wieder einschlafe. Man kann gar nicht lang genug schlafen, wenn man zu etwas Schlimmem erwachen muß!
Und er schloß die Augen und bohrte den Kopf ins Kissen, um wieder einzuschlafen. Aber er konnte nicht; er lag und horchte auf die Uhr, die auf dem Nachttisch tickte. Das quälte ihn so, daß er sich aufrichtete und sie unters Kopfkissen stopfte, bloß damit er sie nicht mehr zu hören brauchte.
Und plötzlich stand der gestrige Tag vor ihm. Der ganze lange, unerträgliche Abend. Dann das Gespräch mit Eva Baumann. Er zog die Decke über den Kopf und drehte sich nach der Wand, in der Hoffnung, die Gedanken würden ihn dann verlassen. Aber sie ließen ihn nicht. Einer nach dem andern kamen sie und klopften an und wollten in sein Gehirn, um ihn zu beunruhigen und zu quälen. Und alle sagten sie das gleiche: daß er ein Esel war, ein dummer, unglaublicher, unverbesserlicher Esel!
Er hatte Eva in den letzten Monaten oft getroffen. Er war ihr begegnet, wenn sie von ihren Klavierstunden kam; hatte sie bei Selma drunten gesehen. Er war mit ihr und Selma spazieren gegangen, hatte bei Frau Pegrelli Besuch gemacht, war zum Abendbrot dort gewesen.