Die ganze Welt war ihm wie neu geschaffen, seit er Eva entdeckt hatte. Er begriff gar nicht, daß er sie früher nicht beachtet hatte. Er hatte nie so recht ernsthaft mit ihr geredet, nie über sich selber mit ihr gesprochen, nie etwas von ihr gefordert. Er hatte nur neben ihr gesessen, war neben ihr hergegangen, hatte über alles mögliche Gleichgültige mit ihr geredet. Oder er hatte sie sprechen lassen und hatte selber kein Wort gesagt. Aber in ihm war es dabei so ruhig geworden, so still, als ob nichts auf der ganzen Welt ihn je mehr aus dem Gleichgewicht reißen könnte.
Und doch war er den ganzen Abend bei einer dummen Gesellschaft gewesen und hatte kein Wort mit ihr gesprochen, sie kaum begrüßt. Es war gradezu eine Kränkung, die er ihr da zugefügt hatte; und wenn er sie jetzt wiedersah, würde alles leer und öde und gräßlich zwischen ihnen beiden sein. Kein heiteres Lächeln würde ihn begrüßen, wenn er kam, kein zutrauliches Nicken, wenn er ging. Und er konnte es nicht einmal erklären. Esel, der er war! Er würde auch gewiß keinen Versuch mehr machen! Was war da überhaupt zu erklären?
Er sah sie wieder vor sich in dem kleinen Wohnzimmer, wo ihre Tante nachmittagelang auf dem Sofa saß und strickte, mit auf die Nase gerutschter Brille und unaufhörlich sich bewegenden Lippen, als zähle sie immerwährend Maschen. Eva saß auf dem Sofa neben der Tante und unterhielt sich mit ihm, der in einem Lehnstuhl auf ihrer andern Seite saß. Ihre weichen Handgelenke bewegten sich emsig, während sie häkelte, und sie lachte ihn an mit den lebhaften Augen, die aussahen, als hätte sie ihr Leben lang keinen Zweifel und kein Kopfzerbrechen gekannt.
Er vermochte nicht länger still zu liegen, sondern stand auf und zog sich an. Die ganze Welt war ein einziger großer Wirrwarr! Es graute ihn beim Gedanken, daß er hinuntergehen mußte zu den Seinen.
Aber schließlich war er doch fertig. Und auch der Hunger machte sich geltend — er hatte am Abend vorher kaum einen Bissen gegessen —, und so ging er hinunter zum Frühstück. Selma saß am Frühstückstisch. Ernst bemerkte, daß sie sehr müde aussah, und mehr um seinen eigenen Gedanken aus dem Weg zu gehen, als aus dem Drang, sich um andere zu kümmern, fragte er: „Was ist mit dir?“
Selma stellte mit einer matten Bewegung das Milchglas weg, ohne zu trinken.
„Ich bin so müde!“ antwortete sie.
Es lag in ihrem Ton etwas, das Ernst veranlaßte, die Schwester genauer anzusehen. Sie war ein kräftiges, ziemlich großes Mädchen mit reichem blondem Haar, derber Gesundheit und frischen, roten Lippen. Nur ihr Teint war verräterisch durchsichtig und blaß, und ihre Hände waren fast krankhaft weiß.
„Hm!“ sagte Ernst. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Sie sah tatsächlich gar nicht gesund aus. Vielleicht lastete auch auf ihr etwas, etwas, von dem sie nicht sprechen konnte, nicht der Mutter, nicht dem Vater, nicht Bruder oder Freund gegenüber? Ob es wohl ein Familienzug bei ihnen war, daß jedes von ihnen sein Leben für sich leben und sich vor den andern abschließen mußte?