Keinen Augenblick lang war es Ernst in den Sinn gekommen, daß seine Schwester, seine tüchtige, kräftige Schwester, die seit fünf Jahren Lehrerin an der Mädchenschule war, und eine so vortreffliche Lehrerin, die sich selber ihr Brot verdiente, etwa nicht glücklich sein könne, mit sich selber nicht fertig wurde, sondern vielleicht in aller Stille träumte — sich sehnte — fort — in eine Welt — wer weiß, in was für eine!
Aber heute hatte sein eigenes kleines Erleben ihn scharfsichtiger gemacht. Darum wollte er versuchen, ihr zu helfen.
„Liebe Selma!“ sagte er und strich ihr leise übers Haar. „Was fehlt dir?“
Die Schwester blickte vor sich nieder und errötete.
„Glaubst du, es sei besonders nett, so jahraus, jahrein bei den Eltern zu leben und kleine Kinder zu unterrichten?“ sagte sie hart. „Du weißt ja gar nicht, wie einsam ich bin!“ Ernst war ganz verwundert.
„Einsam?“ sagte er zögernd. „Du hast doch die Eltern. Und mich!“ fügte er hinzu.
Er fühlte ganz gut, daß das nicht wahr war, daß sie weder die Eltern noch ihn hatte, und daß das auch gar nicht genug gewesen wäre. Aber die Worte fuhren ihm heraus, ehe er sie zurückhalten konnte.
Die Schwester blickte auf. Auf ihrer Stirn lagen Falten, die sie plötzlich alt machten.
„Du bist ein Mann!“ sagte sie. „Sei froh. Du kannst deinen eigenen Weg gehen. Keiner hindert dich. Aber ich...“
Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, sondern brach in heftiges Weinen aus und verließ das Zimmer.