Ernst sah ihr nach. Ein plötzlicher Instinkt sagte ihm, daß er hier zum Zeugen eines Leides geworden war, dessen Wurzel sehr tief lag; aber er wußte doch keine Antwort auf die Frage, was dieser Ausbruch eigentlich zu bedeuten habe. Nur ein Gefühl der Reue beschlich ihn, daß er immer so achtlos an der Schwester vorübergegangen war. Gewiß hatte er sie ja nicht mißachtet, aber es war ihm doch auch nie eingefallen, zu versuchen, ihr näher zu kommen.
Voll von Grübeleien und neuen Gedanken ging er auf sein Zimmer. Nach dem Mittagessen versuchte er, mit der Schwester zu reden, sie zu fragen, weshalb sie geweint hätte. Aber sie sah ganz ruhig aus und erwiderte nur, sie wäre eben ein bißchen nervös.
Das konnte Ernst nun wieder nicht verstehen. Er hatte versucht, sich der Schwester zu nähern, war zurückgewiesen worden, und seine Gedanken nahmen ihren gewöhnlichen Kreislauf um sich selber wieder auf.
Den Vormittag über war er in einer ganz eigentümlichen Stimmung gewesen. Der Eindruck vom Ausbruch der Schwester hatte sich mit seiner eigenen Melancholie vermischt und die wunderlichsten Gedanken in ihm hervorgerufen.
Aber jetzt schlugen diese Gedanken wieder die alte Richtung ein. Mit verdoppelter Stärke stand seine Dummheit von gestern wieder vor ihm. Ihm war plötzlich, als müsse er um jeden Preis zu Eva und alles mit ihr ins Reine bringen. Es war wie eine fixe Idee bei ihm, daß etwas da unklar war und ins Reine gebracht werden müßte. Er mußte zu ihr, sie sehen, sie sprechen, sich mit ihr versöhnen und fühlen, daß alles wieder war, wie vorher. Aber die Mutter durfte nicht sehen, daß er ausging. Sonst würde sie ihn fragen, wo er hinginge. Lügen konnte er nicht, und sagen, wohin er ginge, wollte er nicht. Wenn er nur an den forschenden Blick dachte, den sie auf ihn richten würde, wenn er antwortete: Zu Frau Pegrelli! so empfand er schon ein Unbehagen, als stünde ihm ein Unglück bevor.
Wie ein Schuljunge schlich er sich die Treppe hinunter und hinaus.
Hastig ging er die vertrauten Straßen entlang und läutete schließlich an einer Klingel, die vor einer weißen Tür ohne Schild hing. Ein zersprungener Klang kam von der alten Glocke, die drinnen gegen die Tür schlug. So stark hatte er am Glockenstrang gerissen.
Er war ganz rot im Gesicht und atmete kurz, als das Mädchen kam und öffnete. „Ist Fräulein Baumann zu Hause?“ wollte er fragen, besann sich aber und fragte mit erzwungener Ruhe nach „den Damen“.
Frau Pegrelli wäre ausgegangen, aber das Fräulein sei daheim. Ernst wäre am liebsten wieder umgekehrt. Es war ja gar nicht anders möglich, als daß sie wegen seines unverzeihlichen Betragens am Abend zuvor böse auf ihn war, und er hatte ja nichts zu seiner Entschuldigung anzuführen, nichts — außer er bekannte ihr alles... alles, was ihn bewegte, alles. Und das konnte er doch nicht. Und darum wär es am besten gewesen, er wäre wieder gegangen. Aber das ging auch nicht.
Er hörte sie drinnen Klavier spielen. Ein rettender Gedanke kam ihm.