„Fräulein Baumann ist gewiß beschäftigt?“ sagte er zu dem Mädchen.

„Das glaub’ ich nicht; aber ich kann ja fragen.“

„Bitte, treten Sie doch ein!“ rief da schon eine fröhliche Stimme aus dem Wohnzimmer, und als Ernst über die Schwelle trat, stand Fräulein Eva mitten im Zimmer und machte ihm einen tiefen Knix.

Ernst war aufs äußerste überrascht. Sie sah so schalkhaft und sicher aus, nicht ein bißchen böse, nur froh und heiter. Und schön. So unwiderstehlich schön! Und er stand da, unendlich linkisch, und fragte bloß: „Sind Sie mir nicht böse?“

Sie schüttelte den Kopf und lachte, und wieder sah sie dabei so sicher aus, als wüßte sie ganz genau Bescheid über ihn.

„Nein.“

„Gar kein bißchen?“

„Nein, kein bißchen.“

Eva hatte Ernst während der Zeit ihrer Bekanntschaft verstehen gelernt. Sie begriff, daß er auch nicht einen Augenblick lang den Mut haben würde, ein entscheidendes Wort in ihrem beiderseitigen Verhältnis zu sprechen. Daß sie sich selbst auf eine ganz eigene Art zu dem verschlossenen, sonderbaren jungen Theologen hingezogen fühlte, darüber war sie sich klar. Er hatte etwas so Impulsives. Einmal war er fröhlich wie ein Kind, dann wieder niedergeschlagen und lebensmüde wie ein Greis, dem das Leben nichts mehr zu bieten hat. Und sie begriff, daß etwas war, was ihn drückte und quälte; wenn man ihm das abnehmen könnte, so würde er aufrecht und frei und froh werden, so wie damals, als sie ihm von der Brücke herab zugesehen hatte, wie er dran arbeitete, mitten im Winter der Frühlingsflut vorwärts zu helfen.

Wäre es nicht vielleicht möglich, daß sie es war, die ihm helfen konnte? Es war etwas in ihm, das sie nicht kannte, das er sorgfältig vor ihr verbarg, und das reizte ihre Neugier, während sie es zugleich als eine Kränkung empfand, daß er, der doch so viele Interessen haben mußte, nie ein ernsthaftes Wort mit ihr sprach. Warum tat er das nicht? Warum sprach er nie über seine Zukunft? Glaubte er vielleicht, sie sei so dumm oder oberflächlich, daß sie an nichts anderes denken könne als an Spiel und Tand?