Aber irgend etwas lastete auf ihm. Und ihrer lebhaften Natur, die nach Tätigkeit dürstete, schien es, als eröffne sich ihr hier eine Möglichkeit.

Da saß er nun und sah sie mit seinen klaren, lichten Augen an, zupfte an seinem Bart und lachte vor sich hin aus hellem Behagen. Im Anfang hatte sie das verlegen gemacht, dann hatte sie sich daran gewöhnt, jetzt reizte es sie. So viel hatte sie jedoch schon gelernt, daß man mit Gewalt nichts aus ihm herauskriegte. Versucht hatte sie es schon. Aber es war immer mißlungen.

Sie bemühte sich daher, einen möglichst gleichgültigen Ton anzuschlagen, während sie fragte: „Übermorgen werden Sie ja predigen?“

Wäre Ernst der raffinierteste Don Juan gewesen, statt des unerfahrenen, mit Welt und Frauenherzen unbekannten jungen Mannes, der er war, er hätte auf keine geschicktere Art verfallen können, Eva Baumanns Herz zu gewinnen, als indem er sich so völlig über sich selbst ausschwieg. Im Anfang mochte sie ihn gern seiner Einfachheit halber, wie sie es nannte. Aber je mehr seine Persönlichkeit sie zu beschäftigen anfing, desto eifriger strebte sie danach, ihm auf den Grund zu kommen. Sie wollte wissen, was es war, das ihn zu manchen Stunden so geistesabwesend machte und zu andern so fröhlich, als wäre er aus einem bösen Traum erwacht. Als sie jetzt ihre Frage vorgebracht hatte, war sie ganz ängstlich, was darauf kommen würde. Und sie ward ganz rot vor Schreck, als sie sah, was für eine Wirkung es auf Ernst hatte.

Sein froher, sorgloser Gesichtsausdruck verschwand plötzlich, und er senkte den Kopf, damit sie nicht sehen konnte, was er dachte.

So saß er lang und schwieg.

So lange schwieg er, daß ihr angst wurde. Es war so still, daß sie ihr eigenes Herz hämmern hörte; sie wäre am liebsten davongelaufen, um sich allein auszuweinen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die jeden Augenblick in Weinen umschlagen konnte: „Was ist? Warum antworten Sie denn nicht? Es ist so schrecklich, wie Sie dasitzen und schweigen!“

Er richtete sich auf und setzte sich im Stuhl zurück. Sein Blick war wie erloschen; sein ganzes Gesicht zuckte nervös. „Warum müssen Sie auch gerade davon sprechen?“ rief er. „Warum kann ich nicht wenigstens bei Ihnen damit verschont sein? Sie sind so gut zu mir gewesen, und ich war Ihnen so dankbar! Ich hab’ zu Ihnen kommen und mit Ihnen über alles sprechen können, und ich war so froh und war Ihnen so gut! Und jetzt ist’s aus. Nie wieder wird es, wie es gewesen ist.“

Sie war verwundert und zugleich ärgerlich.

„Was wollen Sie denn damit sagen: Nie wieder, wie es gewesen ist? Weil ich Sie nach Ihrer Predigt gefragt habe? Glauben Sie, ich sei eine Puppe, die Sie wegwerfen können, weil sie nicht mehr in dem Ton schreit, der Ihnen paßt? Nein, Herr Hallin, da kennen Sie mich schlecht.“